Bruno Baumann-der "Trekking-Papst" im Interview:

 

Bruno Baumann

Bergsteiger: Was bringt einen normalen Menschen dazu, die Annehmlichkeiten Deutschlands oder Österreichs zu verlassen und freiwillig in die Wüste Gobi zu fahren, um dort fast zu verdursten?
Bruno Baumann: Das ist eine Grundsatzfrage. Ich kann es für mich persönlich sehr leicht und einfach beantworten: um zu lernen. Der Sinn des Lebens ist für mich lernen. Und ich habe - ich würde fast sagen die Gnade, über die Natur lernen zu dürfen. Es gibt härtere Wege für den Menschen, seine Erfahrungen zu machen: Krankheiten, so genannte Schicksalsschläge, unvorstellbares Leiden. Ich habe sehr früh gemerkt: Wenn ich in die Natur gehe, fühle ich mich ausgeglichen, kann tiefere Gedanken bilden. Die Natur war für mich eine Art Medium, aber auch eine Quelle, aus der ich Kräfte gezogen habe, die ich dann in meinem Leben nutze. Ich hab das sukzessive kultiviert, indem ich mir immer grössere Ziele gesteckt habe, immer grössere Naturlandschaften ausgesucht habe. Andere gehen in den Wald und meditieren vor einem Baum, das kann man auch tun. Man braucht nicht 500 Kilometer durch die Gobi zu laufen. Bei mir kommen aber die tiefen Seiten erst dann zum Schwingen, wenn ich mich über einen langen Zeitraum dieser Situation aussetze, weil ich schon eine Woche brauche, um abzuschalten. Je länger, desto tiefer kann ich hinein. Darum sind die grossen Naturlandschaften das Medium, das ich mir suche.

In Ihrem Firmenzeichen steht die Zeile: "Ober alle Grenzen". Was wollen Sie denn hinter sich lassen?
Die Begrenzungen, die inneren Begrenzungen; die innere Handbremse, mit der Menschen durchs Leben laufen. Ängste, die uns begrenzen, sind damit gemeint, aber auch äussere Grenzen. Ich sehe die Evolution unseres Planeten, sehe, dass wir lernen müssen, ganzheitlich, global zu denken. Deshalb bin ich auch einer, der sagt: Tourismus ist nicht pauschal negativ.

Reinhold Messner hat einmal gesagt, Bergsteigen sei eine Degenerationserscheinung. Ich übertrage das mal auf das Trecken...
Das kommt auf den Beweggrund an: Reist man in ein fernes Land, um eine Ansichtskarte zu schreiben, oder reist man, um zu lernen, um das Fremde tatsächlich zu akzeptieren. Oder kann ich das Fremde nur akzeptieren, wenn mir ein Fünf-Sterne-Hotel auf Trägerrücken hinterher reist? Das Fremde vorbehaltlos anzunehmen, ist ein sehr schwieriges Kriterium. Denn wenn man heute mit Tourismus zu tun hat, dann hört man immer die gleichen stereotypen Argumente: Mir gefällt es dort so gut, weil da kein anderer Tourist ist. Das ist entladvend. Damit gebe ich zu erkennen, dass ich aus meiner vertrauten Welt nur ausgebrochen bin - kurzfristig.

Von Degenerationserscheinung hat Reinhold Messner mit Blick auf die bergbäuerliche Bevölkerung gesprochen.
In diesem Sinn ist das Trekking oder das Unterwegs sein in der Natur keine Degenerationserscheinung. Der Treckingtourist tritt ja nicht an unter dem Motto "Höher, schneller, weiter", sondern für ihn ist der Weg das Ziel, das Unterwegs sein.

Sie leiten, wie auch Reinhold Messner, Seminare und Kurse für Manager. Was erzählen Sie denen?
Ich kann nur das erzählen, was ich aus eigener Erfahrung weiss. Das ist beispielsweise, was jeder Bergsteiger lernt: die Gegenwart zu akzeptieren, sein Gedankenpotential zu bündeln, auf einen Punkt hin auszurichten. Ich verstehe das so, dass Gedanken die feinste Form von Materie sind und Materie die gröbste Form von Geist. Dass man gewissermassen durch Geisteskraft und Motivation, durch Begeisterung als Motivation, grosse Ziele erreichen kann. Ich habe das in meinem Leben ja getan, ich habe alle Sicherheiten hinter mir gelassen, hab von Anfang an gesagt: Ich möchte nur aus meinen eigenen Ressourcen leben. Das, was ich reflektiere, durch Wort, Bild und Schrift ausdrücke, das ist ein Kapital, das mir niemand rauben kann, das nicht einer Inflation unterworfen ist.

Haben Sie eine "Botschaft"?
Dass man versuchen soll, den eigenen Weg zu finden und den dann konsequent zu gehen - das ist die einzige Botschaft.

Wie weit muss man fahren, um trecken zu können?
Nicht weit, denn Trekken ist im Prinzip Wandern. Der einzige Unterschied für mich, in meiner persönlichen Definition, ist, dass eine Trekkingtour länger dauert. Es ist das Unterwegssein von A nach B über einen längeren Zeitraum möglichst ohne grössere Infrastrukturen.

Sie fahren immer weiter weg. Finden Sie in Europa keine Ziele mehr?
Wenn man etwa die Alpen mit dem Himalaya vergleicht, dann wird klar, dass der Himalaya weitgehend noch eine Fussgängerzone ist. Weite Regionen sind dort unbewohnt, es gibt weniger Lärm, weniger Störungen, keine Strassen, keine oder nur geringe Infrastrukturen. Ich habe einmal vor Jahren mein heimatliches Bundesland, die Steiermark, zu Fuss durchquert, auf einer fiktiven, kerzengeraden Linie, einer "Direttissima". Da konnte ich sehen, wie erschlossen die Alpen sind. Allein die Zäune, die wir überklettern mussten - das war unvorstellbar! Erst da ist mir das bewusst geworden. Doch habe ich dort auch noch kleinere Biotope gefunden, die man nicht kennt und die nicht mit Pfaden erschlossen sind.

Böse Zungen behaupten, dass Nepal eine Art Mallorca des 21. Jahrhunderts werden könnte. Sollte Trekking wieder exklusiver werden?
Es ist schwierig, hier dieses elitäre Denken einzuführen. Ich finde, dass es gut ist, wenn Menschen in die Natur gehen - besser jedenfalls, als wenn man die Natur einzäunt oder wenn Kinder einmal ins Museum gehen müssen, um einen Baum anzufassen. In der Wüste kann ich erfahren, dass das Wasser nicht aus der Leitung kommt, das Brot nicht vom Bäcker. Das sind essentielle Erfahrungen. Man lernt, diese Dinge zu schätzen und geht mit den Ressourcen bewusster um. Das ist eine Chance) Ich finde, im Himalaya gibt es noch genügend Platz. Der Massentourismus kanalisiert sich auf bestimmte Flecken: im Solo-Khumbu oder rund um die Annapurna. Abseits dieser modischen Routen gibt es enorm viele Möglichkeiten. Ich glaube nicht, dass der Himalaya überlaufen ist, und ich glaube, dass er auch in Zukunft nicht überlaufen sein wird.

Nun ist der Treckingtourismus heute zuerst Flugtourismus - nicht zuletzt eine Folge der niedrigen Flugpreise. Sollen Flugreisen wieder teurer werden, um dem Prinzip der "Kostenwahrheit" im Reiseverkehr Rechnung zu tragen?
Man muss sich fragen, was die Gegenreaktion wäre. Fliegen die Leute grosse Strecken, um gehen zu können, dies aber dann für einen längeren Zeitraum; oder fahren sie mit dem Auto jedes Wochenende in die Alpen?

Sie machen doch beides ...
Sie machen beides, aber während sie dort trecken, können sie nicht das andere machen. Ich würde mir nicht höhere Flugpreise wünschen, denn es gibt auch andere Vorteile, die sich aus dem Reisen ergeben. Der Tourismus ist eine der grössten Bewegungen des 20. Jahrhunderts, er trifft unsere Grundrechte. Wir haben dafür gekämpft zu reisen, wohin wir wollen. Im ganzen Osten hat man ja die Menschen eingesperrt. Wir haben unentwegt die Stimme gegen die Mauern erhoben, haben gesagt: es ist menschenunwürdig, nicht reisen zu dürfen. Im Tourismus geht es um eine Bewusstwerdung. Wer sich hier mit einer Ellenbogenmentalität durchs Leben kämpft, wird es auch dort machen. Man kann hier nicht mit Beschränkungen eingreifen.

Bräuchte der Treckingtourismus in manchen Regionen nicht doch strengere Reglementierungen - etwa nach dem Modell Bhutan?
Das wäre sehr gut. Ich war vor zwei Jahren in Ladakh - davor war ich immer nur in Tibet -, und ich war schockiert. Zum einen, weil von der indischen Regierung dort ähnliches betrieben wird wie von den Chinesen in Tibet. Zum anderen vom Tourismus dort, von der Profanisierung der klösterlichen Kultur. Das hat es in Tibet nicht gegeben: dass Gruppenreisende bei religiösen Zeremonien in kurzer Hose, in Miniröcken sich vor den Gläubigen aufgepflanzt und alles abgelichtet haben. Wie die sprichwörtlichen Elefanten im Porzellanladen. Da ist der einzige Weg, so würde ich fast sagen, dass man die Klöster zusperrt. Das entspricht leider nicht dem buddhistischen Denken.

Sie haben es gerade angesprochen: Viele grosse Treckingziele liegen in Ländern mit totalitären Regimen. Haben Touristen dort eine politische Verantwortung; konkret: sollte Tibet von Treckern aus Protest gegen die chinesische Gewaltherrschaft boykottiert werden?
Hier gibt es mehrere Argumente pro und contra. Der Dalai Lama, ich habe ihn kürzlich in Graz getroffen, befürwortet den Tourismus - wie auch die meisten Tibeter. 1987, als die schlimmen Menschenrechtsverletzungen dort wieder sehr akut wurden, als mit brachialer Gewalt gegen Mönche und Nonnen vorgegangen wurde, da waren die Touristen vor Ort tatsächlich eine Art Hemmschwelle für die Chinesen. Sie waren unbequeme Zeugen. Ich selbst bin erst seit drei Wochen aus Tibet zurück, und ich bin "zufällig" Zeuge eines Flüchtlingsdramas geworden. Nepalische Polizisten halten neuerdings tibetische Flüchtlinge, die früher ungehindert nach Indien passieren durften, fest und liefern sie gegen Kopfgeld wieder an die Chinesen aus. Das ist eine schlimme Sache. Und da können Touristen helfen, wenn sie bewusst genug sind. Wenn sie aber dumm sind oder naiv oder wenn sie sich nicht entsprechend vorbereitet haben, können sie viel Schaden verursachen und Tibeter in Gefahr bringen. Deshalb ist es auch so wichtig, sich auf eine Reise gut vorzubereiten, sich mit den politischen, ökologischen, historischen und kulturellen Gegebenheiten auseinanderzusetzen.

Wenn jemand Berufsreisender ist wie Sie und ständig auf Achse, tut er sich leichter mit außertouristischen Sinngebungen. Einem anderen, der viel Geld spart und wertvollen Urlaub investiert, um einmal im Leben den Everest zu sehen, wird das kaum gelingen. Er fährt halt mit einer Gruppe nach Nepal, bestaunt die Landschaft, erfüllt sich einen Traum. Dann verlässt er nach drei, vier Wochen das Land und kehrt nie wieder zurück. Seine Erinnerung werden großartige Landschaftsbilder und exotische Kulissen sein, aber schwer soziale Probleme. Haben Sie auch Verständnis für solche Menschen?
(Seufzt) Ich habe dafür Verständnis, weil es unserer Lebensform des Konsumierens entspricht. Man konsumiert eben auch seine Freizeit - ohne Rücksicht auf Verluste, ohne nach links und rechts zu sehen, ohne Bedacht zu nehmen. Ich habe selber Reisen geführt und habe mich wieder zurückgezogen, weil ich frustriert wurde. Weil ich gesehen habe, dass die Menschen das, was sie vorgeben, dort zu wollen, nicht wirklich wollen, sondern dass sie sich im Gegenteil etwas gekauft haben, ein Abenteuer, ein elitäres Erlebnis, das sie im Prospekt aufgelistet fanden und das sie dann Punkt für Punkt abhakten. Das ist sehr schade, da sie sich damit der Möglichkeiten, der Chancen, die darin stecken, berauben. Es gibt aber auch andere, oft junge Leute, die auf eigene Faust gehen, die auch dann durch diese wesentlich grösseren Kontaktmöglichkeiten sensibilisiert werden. Da gibt es dann Fälle, dass diese Leute zum Beispiel das Kind des Sherpas, mit dem sie gehen, adoptieren und ihm die Schulausbildung finanzieren oder auf andere Weise hilfreich eingreifen. Es gibt viele solche Projekte, auch von Leuten. die das nicht an die grosse Glocke hängen. Vieles läuft über Patenschaften, die nur möglich werden, wenn man einen direkten Kontakt hat.

Ein Kern Ihrer Reisephilosophie ist die Dauer, der "lange Atem" sozusagen. Kann, darf ein Angestellter mit sechs Wochen Jahresurlaub überhaupt in Länder der dritten Welt trekken?
Das ist wieder dieser schwierige Bereich. Solche Leute bleiben zwangsläufig an der Oberfläche und gewinnen oft ganz falsche Eindrücke. Beispielsweise, wenn man nach Tibet reist und sagt: den Tibetern geht es doch gut, was wollen die denn. Man sieht nicht die Menschenrechtsverletzungen, man sieht nicht die Angst der Menschen, und daraus zieht man falsche Schlüsse und verbreitet es weiter. Das ist bedenklich und führt zu den bekannten Vorurteilen. Auch wenn sie eine kürzere Zeit unterwegs sind, können solche Leute aber die eine Chance nützen, indem sie sich einen qualitativ guten Reiseführer nehmen, der ihnen auch die Hintergrundinformationen zukommen lässt. Das Erleben der Natur, das weiss eh jeder, geht je länger um so tiefer.

Wer richtet Ihrer Meinung nach weniger Schaden an: der unabhängige Individualtrecker oder der organisierte, kontrollierte Gruppentrekker?
Da muss ich etwas weiter ausholen, weil das immer nur symptomatisch gesehen wird. Man geht bei der Tourismuskritik vielfach von einem statischen Weltbild aus. Die sich für die Natur einsetzen sagen: Die Natur - so ist sie, und so muss sie immer sein; der Tourismus schädigt die Natur, darum muss er draussen bleiben. Die anderen sagen, der Tourismus zerstört die überkommenen Kulturen, indem er dies und das hintransportiert. Beides setzt ein statisches Weltbild voraus, indem man sagt: Ihr seid Steinzeitmenschen, ihr seid etwas höher entwickelt, vor allem aber müsst ihr immer so bleiben. So, wie wenn man uns sagte: Ihr müsst immer in der Lederhose rumlaufen! Wir haben auch den American way of life übernommen, wir befinden uns in einem dynamischen Entwicklungsprozess. Das akzeptiere ich voll und ganz. Die Menschen in Nepal wollen nicht hören: Euch geht es so gut, ihr habt viel Zeit und keinen Stress, sondern sie wollen genauso zahnwehanfällig sein wie wir. Sie wollen nicht hören, dass es ihnen besser geht, sondern dass es ihnen genauso gut geht wie uns. Das ist überall so. Der Tourist ist eigentlich der letzte, der überhaupt was zerstören kann. Vorher gibt es schon die Regierungen der so genannten dritten Welt, die die Völker der vierten Welt verändern. Dann kommen die Wirtschaftsmechanismen, und am Schluss kommt der Tourismus. Da ist die authentische Kultur schon tot, da gibt es fast nur noch Zurschaustellungen. Es ist nun die Frage, ob man im Sinn hat, das erhalten zu wollen. Nehmen wir eine ursprüngliche Kultur, wie wir sie idealisieren, schön anzusehen, "ganzheitlich", im Einklang mit der Natur -auch wenn's nicht stimmt, aber wir glauben daran -, so eine Kultur wird von Individualtouristen zuerst tangiert. Die gehen dorthin, wo es am ursprünglichsten ist, auch wenn sie den gleichen alternativen Reiseführern folgen und sich besser dünken. Die organisierten Gruppentouristen kommen erst später, wenn eine Infrastruktur geschaffen ist. Auf der anderen Seite ist der Individualtourist der, der am meisten im Land lässt, wo es an die Menschen herankommt. Beispiel Nepal: Das kleine ehemalige Königreich Mustang wurde erst 1992 wieder für ein begrenztes Kontingent Touristen geöffnet - im Sinne einer behutsamen Entwicklung. Die Folge: Abgesahnt haben die Trekkingagenturen hier und in Katmandu sowie die nepalische Regierung über die sehr hohen Trekkinggebühren. Die Bewohner Mustangs bekamen nichts, aber auch gar nichts.

Eine provozierende Frage. Sie schreiben sich soziales Engagement auf Ihre Fahnen. Reinhold Messner zum Beispiel nennt als Beweggrund für seine grossen Unternehmungen allein das eigene Ego. Sind Sie mir böse, wenn ich zweites für ehrlicher halte?
Für Reinhold Messner mag das so stimmen und ehrlich sein. Für mich ist das, was ich hier sage und in meinen Büchern ausdrücke, ehrlich. Das ist meine Wahrheit. Ich gehe mit einem anderen Anspruch auf Reisen, ohne jetzt zu sagen, dass da nicht auch Ego-Gründe dahinterstehen. Aber ich sehe das nicht als hauptsächlich an.

Welche Treckingziele haften Sie in ökologischer, sozialer und politischer Hinsicht für unbedenklich, bei welchen hätten Sie ein schlechteres Gewissen?
Grundsätzlich: dass Trekking Auswirkungen hat, ist ganz klar. Ich würde jetzt nicht die Treckingziele wählen, wo sich solche Massen auf kleine Punkte hin bewegen. Da würde ich nicht hingehen und auch anderen davon abraten: zum Beispiel im Oktober ins Solo-Khumbu Gebiet oder zur Annapurna Rundtour aufzubrechen. Und andererseits gibt es Gebiete, wo der Treckingtourismus naturerhaltend wirkt, beispielsweise im Ruwenzorigebiet. Ohne den Treckingtou-rismus dort würde diese einzigartige Bergflora, der ganze Nationalpark Ruwenzori nicht erhalten werden können. Aus den Einnahmen wird die einheimische Bevölkerung so weit entschädigt, dass sie von sich aus, freiwillig, entscheidet: Wir müssen diese Pflanzen schützen, das ist unser Kapital. Da ist wiederum der individuelle Tourist oft ein Problem, weil der sagt: Ich bin autark, ich nehme keine Träger, keinen Führer. Das ist für die lokale Bevölkerung unverständlich. Für die ist auch der Student superreich, weil er es sich überhaupt leisten kann, hierher zu reisen - und dann will er nichts davon abgeben! In Tibet, überall in China sind Trekkings insofern problematisch, als man sie nur mit chinesischer Organisation unternehmen kann und es dort so gut wie keine Müllvermeidung oder -Entsorgung gibt. Man müsste konsequenterweise als Treckingtourist alles, was an Müll anfällt, wieder aus China mit herausnehmen. Das ist ein sehr schwieriger Bereich für Trekkings, Tibet. Man reist ja nur unter chinesischer Führung, das ganze Geld, enorm hohe Summen, fliesst praktisch nach Peking, und für die Tibeter bleibt fast nichts zurück. Der organisierte Gruppentourist hat kaum eine Möglichkeit, mit Tibetern Kontakt aufzunehmen.

Sie haben vorher den Ruwenzori genannt. Da ist man ganz nah an Ruanda ...
Klar, Ruanda und auch die Westseite des Ruwenzori, von Zaire aus - absolut wahnsinnig, wer da jetzt hinfährt. Uganda selbst halte ich momentan für sehr stabil, ganz im Gegensatz zu Ruanda oder erst recht zu Burundi. Wirklich problematisch ist es auch in Kaschmir, das fällt zur Zeit sowieso weg. In Indischem Himalaya und Karacorum sind trotz einiger Konfliktpunkte die Zonen, die fürs Trekking in Frage kommen, ohne Probleme. Kritisch sind sicher die zentralasiatischen Nachfolgestaaten der Sowjetunion, Kasachstan oder Kirgisien. Da würde ich zur Zeit nicht hinfahren wollen. Nepal ist nach wie vor ruhig, Bhutan ist sehr gut, wenn auch teuer. Tibet ist permanent instabil, und es gibt die bekannten Menschenrechtsverletzungen. Reisen dorthin, wie schon gesagt, sind eine Gewissensfrage. Nordamerika, keine Frage, ist problemlos, und die südamerikanischen Länder sind mir aufgrund sehr vieler sozialer Probleme und der Kriminalität eher unsympathisch. Ich reise nicht sehr gern nach Südamerika.

Welches war Ihre schönste Reise?
Für mich war die Gobi-Durchquerung von ihrem inneren Wert her das interessanteste Unternehmen, das ich je gemacht habe, weil es ein Weg in ein unbekanntes Terrain war. Ich hatte vorher keine Informationen über den zentralen Bereich. Der Weg da hindurch war von einer Dimension, wie man sie auf diesem Planeten wohl kaum mehr finden kann, weil das meiste schon von früheren oder aktuellen Forschungsberichten bekannt ist.

... und die schwierigste?
... war sicher die Reise zum Tibesti Gebirge im Tschad: ein politisch äusserst schwieriges Land. Und dann die Saat der Minen und Panzer. Es war so unberechenbar und schwierig, mit diesen Leuten zu kommunizieren, die seit Jahrzehnten nichts anderes als Aggression erleben und die auch eine Aggressivität in sich haben, die anders ist, als sie die Asiaten haben. Da hatte ich selber Probleme, meine Toleranz, meine Geduld, das alles war da auf eine harte Probe gestellt.

Die schönste Landschaft, die Sie bisher gesehen haben?
Zweifellos das Kailash-ManasarovarGebiet. Das ist für mich eine spirituelle Landschaft, die durch die Farben und das Licht lebt, ein Licht, wie ich es sonst nirgendwo gesehen habe.

Ihr derzeitiges Traumziel?
Das ist der Transhimalaya. Es ist eine Idee, die ich schon lange verfolge: Tibet zu Fuss zu durchqueren, zweieinhalbtausend Kilometer von Süden nach Norden über zwei der höchsten Gebirge, den Transhimalaya und das Kun-lun-Gebirge, hinüberzulaufen. Da würde ich Gebiete in den Grassteppen im äussersten Norden Tibets berühren, wo noch Reste tibetischer Wildfauna existieren könnten, die in anderen Teilen längst verschwunden und ausgestorben sind. Das plane ich für nächsten Sommer.

Eine Frage, die Ihnen vielleicht komisch vorkommt: Wo machen Sie Urlaub vom Reisen?
Ich wollte mir ein Leben schaffen, das keine Teilung kennt. Wo ich also nicht sage: Hier habe ich meine Arbeit, die mache ich, um Geld zu verdienen, um physisch zu überleben, und dort habe ich meine Freizeit, da tue ich dann, was meinem Wesen entspricht. Ich will immer "artgerecht" leben. Ich mache immer das, was mir an Ideen kommt. Ich habe in dem Sinn keine "Freizeit", und ich sehne mich auch nicht danach.

Nun haben Sie natürlich eine Stellung am Markt, die es Ihnen ermöglicht, so zu reden. Wenn heute ein junger Mensch genau dasselbe machen wollte, wie schwer hätte der es denn?
Sehr schwer. Ich hab ja früher viele Vorträge in Schulen gehabt, und da sind viele junge Leute gekommen und haben gesagt: Mensch, Reisen, das ist es, das möchte ich auch. Das habe ich mir damals in der Gymnasiumszeit auch gedacht. Das entspricht meinem Wesen, das ist meine Ausdrucksform. Ich habe auch sehr viel Glück gehabt. Ich habe aber auch gelernt, das, was ich draussen erfahre, umzusetzen. Das heisst, wenn ich hier bin, arbeite ich sehr konzentriert. Schreiben wäre für mich die humanste Form des Lebensunterhalts, das schaffe ich aber noch nicht, vom Schreiben leben zu können. Sonst würde ich alles andere gar nicht mehr tun, dann würde ich nur noch schreiben. Das ist mein erklärtes Ziel. Dann würde ich mich dahin entwickeln, wo Konfuzius war: die Welt vom Zimmer aus zu erkennen.

Wäre Ihnen das früher bewusst gewesen, hätten Sie ja gleich auf das Reisen verzichten können ...
Ich habe beim Reisen halt ein paar Erfahrungen gemacht, die essentiell sind. Als ich mit Heinz Zak in Kairo im Gefängnis sass, war auch Klaus Därr dabei. Der Heinz war einer, der Naturerfahrungen hatte, der schon auf sich selbst zurückgeworfen war. Der etwas besass, worauf er sich zurückziehen konnte. Und dann war da ein Klaus Därr, der immer mit solchen Sicherheitspolstern gereist war, mit Geländefahrzeug, übermässig viel Wasser und übermässig viel Sprit. Das, was er als Mensch zu sein glaubte, so meinte er, stand in seiner Visitenkarte, im Katalog seines Geschäfts. Und der fiel dort im Gefängnis plötzlich ins Bodenlose. Es sind essentielle Erfahrungen, die ich in der Natur gelernt habe: auf die inneren, auf die eigenen Kräfte zu vertrauen.

Welche Bedeutung hat für Sie das Wort "Zuhause sein"? Haben Sie ein Bedürfnis danach?
Eine sehr gute Frage. Herbert Tichy hat glaube ich in seinem Buch "Zum heiligsten Berg der Welt" am Schluss, als er mit dem Motorrad zurückfuhr, folgendes gesagt: Wohin immer du gehst, was immer du suchst, du findest die Heimat. Für mich ist die Heimat dort, wo mein Herz ist - und das ist eigentlich immer da, wo ich unterwegs bin. Auf der anderen Seite habe ich durch die vielen Reisen die Qualität unserer alpinen Landschaft, unseres mitteleuropäischen Lebensraumes, auch der Menschen hier, immer mehr schätzen gelernt. Klassische Aussteigerländer wie Kanada, Australien, Neuseeland sind für mich kein Thema. Da würde ich eher nach Bali gehen - wegen der Menschen. Auch in Tibet empfinde ich das menschliche Klima als angenehm, weil man sich nicht aus dem Weg geht, keine Maske trägt und keine Rolle spielt. Ich mag Mitteleuropa wegen der Vielfalt an wegweisenden kulturellen Ideen, die sich hier konzentrieren. Nicht nur die Steiermark, auch Bayern, das Chiemgau oder das Salzkammergut, das sind Landschaften, die ich gerne mag. Da gibt es zwei Elemente, die ich brauche zum Leben, nämlich Wasser und Berge.

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