Interview mit Bruno Baumann

 



Buddhismus aktuell: Was bedeutet reisen für Dich?

BRUNO BAUMANN: Es ist mein Weg des Lernens, nach Antworten zu suchen auf die essenziellen Fragen des Lebens. Ich versuche auf einer Reise nicht Außenstehender zu bleiben, Schaulustiger im touristischen Sinne, sondern möchte mich einlassen auf das Andere, das Fremde – auch in mir selbst. Reisen heißt für mich vom Schauen zum Sehen zu gelangen, das ist ein lebenslanger Prozess.

B. a. Welchen Stellenwert hat die politische Lage in den Ländern, die Du bereist?

B.B.: Ich bin ein politischer Mensch, und deshalb sind mir die politischen Gegebenheiten weder hier noch anderswo gleichgültig. Sie haben großen Einfluss auf die Entfaltung des Menschen. Freiheit ist wie Luft zum Atmen, repressive Strukturen sind Gift. Wenn ich reise, bin ich auch gleichzeitig investigativer Journalist und erhebe meine Stimme immer dort, wo Unterdrückung oder grobe Ungerechtigkeit herrschen und zwar ohne Rücksicht darauf, ob mir das persönliche Nachteile bringt und meine Pfründe da oder dort gefährdet.

B. a. Du hast viel Zeit in Tibet verbracht. Was beeindruckt Dich an dem Land so?
B.B.: Am Anfang stand eine Art „Liebe auf den ersten Blick“ als ich im Jahre 1985 im Zuge einer Chinareise den Osten Tibets (Kham) streifte. Es war die menschliche Wärme, die Herzlichkeit, die mir da entgegenschlug, die so anders war als die kalte Konvention, die ich in China damals erlebte. Das Land hat mich seit der ersten Berührung nicht mehr losgelassen, im Schnitt halte ich mich jährlich zwei bis drei Monate dort auf. Durch diese Dichte und Intensität an Erfahrungen in Tibet, über einen Zeitraum von anderthalb Jahrzehnten, hat sich mein Blick geschärft, auch das wahrzunehmen was hinter den Kulissen liegt und dem Auge des flüchtigen Besuchers verborgen bleibt. Der Grund meiner immer wiederkehrenden Besuche ist im Wesentlichen derselbe geblieben: Tibet ist eine beseelte Landschaft. Beeindruckende Natur gibt es auch in Patagonien, selbst ähnliche Farben und Formen herrschen dort, aber in Tibet finden sich selbst auf den windigsten Passhöhen Gebetsfahnen, in den abgelegensten Winkeln stehen Chörten am Wegesrand oder Mani-Steine zeugen von der Verbundenheit der Tibeter mit allem, was ist. Tibet ist eine Landkarte des Glaubens, des buddhistischen Glaubens, der trotz des fortwährenden Versuchs der chinesischen Besatzungsmacht, diesen mit allen Mitteln auszutreiben, noch lebt.

B. a. Was suchst Du dort?

B.B.: Ursprünglich war es eine unbestimmte Neugier, die mich nach Tibet zog. Ich hatte damals auch Sehnsuchtsbilder im Kopf, geschaffen von jenen Tibet-Reisenden, die das Land vor 1950 durchstreiften und darüber berichteten. Eine gewisse Ernüchterung war also vorprogrammiert. Allerdings hatte ich auch nicht erwartet ein Tibet vorzufinden, wie es uns die vorangegangene Forschergeneration beschrieben hatte. Ich wollte einfach wissen, was noch da war von Tibets Vermächtnis und insbesondere interessierte mich die Frage nach dem wohin. Also Tibet quo vadis? Ich bereiste alle Provinzen und lernte so den gesamten tibetischen Kulturund Lebensraum kennen – auch die Gebiete außerhalb Tibets wie Mustang, Ladakh, Bhutan, Sikkim und die exiltibetischen Niederlassungen in Indien. In letzter Zeit besuche ich bevorzugt Pilger-Orte, Plätze also, die vom Geist jener durchtränkt sind, die seit Jahrtausenden dorthin kommen, mit religiöser Hingabe und den edelsten Gedanken im Gepäck. Dazu gehören Kraftorte wie der Berg Kailash und seine Umgebung.

B. a. Was bedeutet der Kailash für Dich?

B.B.: Er ist mein immerwährendes Ziel. Ich habe mich dem Berg von allen Seiten genähert, entlang aller bekannten Pilgerwege und im Laufe der Zeit hat sich mir das gesamte Natur-Mandala erschlossen, zu dem nicht nur der heilige Berg und die beiden vor gelagerten Seen, sondern vor allem auch die Quellen der vier größten Flüsse Asiens, die dort entspringen und wie Speichen eines Rades in die vier Himmelsrichtungen hinwegfließen, gehören. In meinem neuen Buch „Kailash – Tibets heiliger Berg“ das in seinem Aufbau, ebenfalls der Mandala-Konzeption folgt, werde ich aufzeigen, warum und durch welche Umstände dieser Berg in den Brennpunkt der Verehrung durch vier Religionen rückte – nämlich Hindu, Buddhisten, Jain und Bön.

B. a. Was nimmst Du von diesen Reisen mit nach Hause?

B.B.: Außer einem Rucksack voller Erinnerungen und schöner Fotos nehme ich vor allem Inspiration mit und das Wissen, nicht Kraft verbraucht, sondern Kraft getankt zu haben. Die ist freilich von anderer Art, als man sie im Fitnessstudio erwerben kann.

B. a. Hast Du von den Tibetern gelernt, was Dir für Dein weiteres Leben sehr wichtig scheint?

B.B.: Die Tibeter sind Menschen wie wir, sie besitzen weder ein Monopol auf Gutmenschentum noch auf Erleuchtung – auch wenn wir sie dahingehend idealisieren. Es gibt Wesenszüge, die mich bei ihnen beeindrucken. Das ist ihre ungebrochene Vitalität, trotz und vielleicht gerade wegen der harten Lebensbedingungen, ihre sprichwörtliche „Heiterkeit der Seele“, die sie trotz leidvoller Erfahrungen nicht verzweifeln lässt und eine Offenheit, die jede Gefühlsregung ins Gesicht schreibt.

B. a. Du nimmst auch Gruppen auf Deine Reisen mit. Wie vereinbart sich Tourismus mit der buddhistischen Einstellung?

B.B.: Ich betrachte Tourismus nicht pauschal als negativ. Das ist nun einmal die Erscheinung einer Lebensform, in der es Arbeit und Freizeit gibt. Um die Freizeit mehr oder weniger sinnvoll zu vertreiben, kümmert sich indessen eine ganze Industrie. Was Tibet betrifft, so hat der Massentourismus noch immer seine natürlichen Grenzen, weil nämlich weitgehend die Infrastruktur fehlt, die den komfortverwöhnten Reisenden die Ursprünglichkeit des Landes erst erträglich macht. Außerdem habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Tibeter die fremden Besucher wollen, weil sie in ihnen eine moralische Unterstützung sehen. Deshalb begrüßt auch der Dalai Lama den Tourismus, weil er will, dass Fremde mit eigenen Augen Tibet sehen und darüber berichten.

B. a. Was sagst Du zu den Plänen eine Autobahn um den Kailash zu bauen?

B.B.: „Autobahn“ um den Kailash? Das ist wohl etwas übertrieben. Bei meinem letzten Besuch im August 2003 konnte ich nicht mehr als eine einzelne LKW–Spur erkennen, die im westlichen Tal bis zum Nordwandkloster führte. Es wird also noch geraume Zeit dauern, falls dieser Blödsinn wirklich ernsthaft geplant ist. Außerdem gibt es eine ganze Menge anderer Straßenbauvorhaben in Tibet, die aus der Sicht der Behörden weit größere ökonomische oder strategische Bedeutung haben, als eine „Ringstraße“ um den Kailash für ein paar Pilger. Aber zuzutrauen ist es dem einen oder anderen Lokalbonzen schon, eine solch abwegige Idee zu verfolgen. Immerhin gibt es schon eine Piste rund um den Manasarovar–See, der ebenso heilig ist wie der Kailash – und da regt sich leider niemand darüber auf. Ich hoffe natürlich, dass keine Straße gebaut wird, und der Plan, sofern es diesen wirklich gibt, auf Grund der internationalen Proteste, fallen gelassen wird. Deshalb begrüße ich die Initiative den Kailash in den Status eines UNESCO- Naturerbes aufzunehmen.

B. a. Was ist der größte Unterschied für Dich zwischen buddhistisch lebenden Menschen in ihren jeweiligen Ländern und uns Europäern?

B.B.: In den entsprechenden Ländern Asiens ist der Buddhismus eine überkommene Tradition, die alle Lebensbereiche erfasst und durchdrungen hat. Hier im Westen sind heute viele Menschen auf der Suche. Sie erhoffen sich vom Buddhismus die Antworten und Orientierung, die ihnen offenbar die christliche Religion nicht mehr zu geben vermag.

B. a. Glaubst Du, dass es möglich ist hier in Europa Buddhismus in seiner Gesamtheit zu praktizieren?

B.B.: Ja, selbstverständlich. Die Lehre des Buddha ist universell. Er hat ein Beispiel gegeben, einen Weg aufgezeigt, der aus den leidvollen Verstrickungen des Samsara zur Befreiung führt. Diese Lehre, so jedenfalls begreife ich sie, ist gerade vom ethno– kulturellen Umfeld, in dem sie entstanden ist, unabhängig.

B. a. Hat sich Deine Einstellung zu den Dingen des Alltags verändert?

B.B.: Ich denke, dass ich geistesgegenwärtiger lebe, auch angstfreier, sicherlich selbstverantwortlicher als zuvor, weil ich nicht erwarte, dass mein Partner mich glücklich macht und der Staat für mich sorgt und mir Sicherheit gibt.

B. a. Du hast auch zwei Wochen alleine in der Wüste Gobi verbracht, warum?

B.B.: Weil ich einmal – und die Betonung liegt auf einmal – jene Erfahrung machen wollte, die Ausgesetztheit bedeutet. Diese habe ich nun gemacht und das bedarf keiner weiterer Dosissteigerung und auch keiner Wiederholung. Als ich es 1996 zum ersten Mal versuchte, war es zum einen sportlicher Ehrgeiz, der mich antrieb, aber auch das Ideal, allein in die Wüste hinein zu gehen, um die Qualität der geistig– meditativen Erfahrungen noch zu steigern, weil es eben keine Störung durch den ganzen Tross einer Karawane gab und ich keine andere Verantwortung zu tragen hatte als für mich. Damals jedoch hatte ich schnell erkennen müssen, dass gar kein Raum für solche Erfahrungen da war, weil ich praktisch wie auf einer Leimrute festgeklebt gegen die Zeit laufen musste, gegen die tödliche Austrocknung, und sich alles auf das nackte Überleben reduzierte. Diesmal hatte ich diesbezüglich keine Illusionen mehr, ich erwartete nicht, dass ich großartige spirituelle Erfahrungen machen würde. Es war eine andere Erfahrung, die mich hineinzog in die Wüste wie in einen Tunnel. Ich begab mich vorsätzlich in eine Situation, in der ich ganz auf mich allein gestellt war, in der ich nur mit eigener Kraft wieder herauskommen konnte, kurzum eine Situation, in der ich gezwungen war, mein ganzes Potenzial, das physische, intellektuelle und auch spirituelle hervorzubringen – und zwar gleichzeitig.

B. a. Was hast Du dabei empfunden?

B.B.: Ich durchlebte ein ganzes Spektrum menschlicher Emotionen und machte dabei einen Entwicklungsweg durch. Zuerst waren Ängste und Zweifel da. Ich war unausgeglichen in den ersten Tagen, auch zornig, weil sich mir immer höhere Sandberge gleichsam als Spiegelbild meiner inneren Blockaden in den Weg stellten. Ich war in Disharmonie mit der Zeit, wollte ständig schon weiter sein, als ich war, und litt dementsprechend. Ich haderte mit meinem schweren Rucksack, mit dem Wetter, mit dem Sand und durchlebte dabei das ganze Angsttrauma des Fast-Verdurstens im Jahre 1996. Es war eine sehr wertvolle Erfahrung, mir einmal aller meiner Möglichkeiten gewahr zu werden. Das transformiert Ängste, weil es wirkliche Sicherheit erzeugt und nicht Scheinsicherheit. Eine Sicherheit, die im Wissen gründet, dass der Schlüssel zu den Lösungen, für all das, was einem im Leben so widerfährt, vor allem für die so genannten Probleme, die in Wirklichkeit Chancen sind, primär bei einem selbst zu suchen ist. Weniger Ängste, weniger Erwartungen, mehr Freisein, das ist, was unter dem Strich für mich dabei herausgekommen ist – und das ist sehr, sehr viel.

B. a. Welche Erfahrungsqualität liegt zwischen dem Kailash und der Wüste Gobi?

B.B.: Das sind zwei völlig verschiedene Erfahrungswelten. Auch Wüste Gobi und Wüste Gobi sind nicht eins, auf das „Wie“ kommt es an. Es ist schon ein himmelweiter Unterschied, ob ich die Wüste als eine abgesicherte Arena erfahre oder – wie ich es zuletzt tat – als Alleingänger, ohne Sicherheitsnetz. Wenn ich mich dort mit Fahrzeugen oder einer Kamelkarawane bewege, mit erfahrenen Führern und Begleitern, die dafür sorgen, dass jede Form von Ausgesetztheit, das heißt, auf sich allein gestellt sein, ausgeschlossen ist, und es genügend Komfort gibt – durch Koch, Lastentransport, ausreichend Wasser und Getränke usw. – so dass es an nichts mangelt. Natürlich lässt sich auch so die Wüste als meditative Landschaft, die Stille, der Sternenhimmel, und die damit verbundenen Glücksgefühle erleben, aber es gibt eben noch eine andere Erfahrungsebene, die verschlossen bleibt. Am Kailash gibt es ohnehin keine Ausgesetztheit, dort gibt es ganz andere Erfahrungsmöglichkeiten. Der Kailash ist ein Pilgerberg, ein Kraftort, und das ist es, warum ich dorthin gehe.

B. a. Du planst auch einen Spielfilm. Kannst Du darüber schon etwas sagen?

B.B.: Zurzeit arbeite ich mit meinen Partnern noch am Drehbuch. Es geht dabei um einen Blick auf das Tibet von heute, auf eine Generation von Tibetern, die nach der großen Zäsur von 1950 (gewaltsame Annexion Tibets durch China und die erzwungenen Veränderungen) geboren und aufgewachsen ist. Diese Generation muss sich in einer veränderten und sich immer schneller verändernden Umwelt zurecht finden, in der sie nicht nur den Einbruch der Moderne, des globalisierten „Chinese way of Life“, bewältigen muss, sondern auch noch den Umstand, dass sie gegenüber den zugesiedelten Han-Chinesen klar benachteiligt ist, weil es de facto keine Chancengleichheit gibt. In einer solchen veränderten Welt genügt es nicht mehr, eine überkommene Tradition zu kopieren, kann die Tradition nicht mehr alle Orientierung und Antworten liefern. Es gilt neue Antworten zu finden, im Idealfall eine Synthese zwischen Tradition und Moderne herzustellen. Dieser spannungsgeladene Konflikt, der eigentlich ein universelles Thema ist, das auch in unserer Kultur Relevanz hat, wird an zwei Figuren festgemacht, die aus zwei Generationen stammen. Eine aus jener Generation, die im alten Tibet aufgewachsen ist und dort wurzelt, und eine andere aus der jungen Generation von Tibetern. Das alles spielt vor dem Hintergrund einer Reise, die die beiden Protagonisten quer durch Tibet führt. Mehr will ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht verraten.

Mit Bruno Baumann sprach Marika Hoerig.

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