Bruno Baumann

„Die Wüste ist mein Element“

 

Adelbert Reif im Gespräch dem österreichischen Forschungsreisenden und Autor Bruno Baumann

Der Österreicher Bruno Baumann zählt zu den wenigen wirklich bedeutenden Weltreisenden unserer Zeit, die Forschung und Abenteuer mit einander zu verbinden wissen. Seit 1978 bereist er die großen Naturlandschaften der Erde. Dabei gilt sein besonderes Interesse den Wüsten Asiens, in denen er nicht nur Abenteuer, sondern vor allem Selbsterkenntnis und spirituelle Antworten auf die Grundfragen der Menschen sucht. 2003 gelang ihm das scheinbar Unmögliche, das niemand zuvor geschafft hatte und woran er selbst schon einmal gescheitert war: Als erster Mensch durchquerte er im Alleingang ohne Kamele und ohne Kontakt zur Außenwelt das sandige Herzstück der Wüste Gobi. Durch seine Bücher, Filme und Vorträge bietet Baumann einem breiten Publikum die Möglichkeit, an seinen erkenntnisreichen Abenteuern teilzunehmen. Jüngst gelang ihm die Entdeckung des legendären „Shambala“ bzw. „Shangri-La“, eines Mythos oder „Atlantis des Ostens“ („Der Spiegel“)

conturen: Herr Baumann, Ihr Name erfährt in den Medien viele Zuschreibungen: Man nennt Sie einen Abenteurer, Weltreisenden, Forscher, Entdecker, Tibet-Experten, Wüstenspezialisten, Schriftsteller, Fotografen und Filmemacher. Welche dieser Bezeichnungen treffen das, was den Inhalt Ihres Lebens ausmacht, am präzisesten?

Baumann: Nach wie vor ist mein Traumberuf Schriftsteller. Schon als Jugendlicher mit fünfzehn, sechzehn Jahren entwickelte ich zu Büchern eine ganz besondere Beziehung: Sie waren meine Gesprächspartner. Denn in der kleinen dörflichen Umgebung, in der ich aufwuchs, hatte ich keine Freunde, mit denen ich mich hätte austauschen können. Die Bücher eröffneten mir die Möglichkeit, in andere Welten einzutauchen und mit Menschen zu kommunizieren, die nicht meine Zeitgenossen waren. Von daher hat für mich das Schreiben den höchsten Stellenwert. Doch ungeachtet der vielen Bücher, die ich bisher veröffentlicht habe, befinde ich mich immer noch auf dem Weg zum Schriftsteller, denn allein von meiner schriftstellerischen Arbeit zu leben, ist mir bis heute nicht gelungen. Deshalb also diese vielen anderen Standbeine im Sinne meines Mottos: Das Schiff nicht an einen einzigen Anker hängen.

conturen: Nun haben Sie einmal gesagt, dass Forscherberichte und überhaupt Reiseliteratur eine besondere Faszination auf Sie ausübten. Was waren das für Bücher, die Sie lasen?

Baumann: Eigentlich las ich in meiner Jugend alle berühmten klassischen Reiseberichte, insbesondere die von Sven Hedin, aber mit ebensolcher Begeisterung auch die Bücher der großen Afrikapioniere David Livingstone, Henry Morton Stanley, der Polarforscher Nansen, Amundsen und anderer. Eines Tages – ich muss dreizehn oder vierzehn Jahre alt gewesen sein – kam der legendäre Heinrich Harrer in den Geschichts- oder Geographieunterricht unserer Schule und berichtete von seinen Erlebnissen in Tibet. Diese Begegnung beeindruckte mich stark. Aber erst viel später, als ich selbst zu reisen begann, kehrten die Bilder, die Harrer uns damals gezeigt hatte, mit großer Schärfe wieder in mein Bewusstsein zurück.

conturen: „Ich bezeichne mich als einen Menschen, der aufgebrochen ist, um über den Weg des Reisens, über den Dialog mit anderen Kulturen und über extreme Naturerfahrungen Selbstfindung zu betreiben“, schrieben Sie einmal. Wann wurde dieser Wunsch, aus einer begrenzten Welt auszubrechen, in Ihnen wach?

Baumann: Der auslösende Moment war die heimatliche Enge, nicht nur die räumliche, sondern auch die geistige Enge meiner dörflichen Umgebung in der Steiermark, die ich als immer bedrückender empfand. Da bot sich mir die Chance, eine erste Reise als Rucksacktourist zu machen. Ich arbeitete einige Wochen lang in einer Grazer Fabrik am Fließband, um mir das nötige Geld zu verdienen. Dann kaufte ich mir am Dorfbahnhof von Leibnitz ein Interrail-Ticket. Diesen Augenblick werde ich nie vergessen: Das Ticket war eine Art „Pass“ für die große Freiheit. Vor den Augen des Bahnbeamten trug ich stolz mein Reiseziel ein: Marrakesch. Es war das entfernteste Ziel, das mir dieses Ticket für relativ wenig Geld zugelassen hatte. So fuhr ich von Leibnitz nach Marrakesch. Diese Reise war für mich ein Schlüsselerlebnis. Ich stellte fest, dass mir Reisen mehr bedeutete als Zeitvertreib. Auch reiste ich allein. Es macht nämlich einen himmelweiten Unterschied aus, ob man als Clique oder Verein irgendwohin reist oder auf sich selbst gestellt bleibt. Dadurch, dass ich von Anfang an allein unterwegs war, fühlte ich mich viel mehr gefordert, mich mit den immer neuen Umgebungen und Situationen, mit dem Anderen und dem Fremden zu arrangieren und auseinander zu setzen. Natürlich wurde ich als Einzelner auch häufig eingeladen und kam dadurch in einen viel engeren Kontakt zu den Menschen, als dies je in einer Gruppe möglich gewesen wäre.

conturen: Wohin führten Sie Ihre ersten Reisen?

Baumann: Meine ersten Reisen verliefen alle parallel zu den Interessen, die ich auf dem Gymnasium entwickelt hatte. Dazu gehörten u.a. die antiken Kulturen. Deshalb reiste ich zunächst in die klassischen antiken Länder, nach Griechenland und in die Türkei. In dieser Phase meines Lebens kam der naive Wunsch in mir auf, den wohl jeder in seinem Leben einmal verspürt, nämlich Arbeit und Freizeit miteinander zu vereinen. Für mich war es die Idee, so absurd sie auch scheinen mag: Ich würde am liebsten nur eines tun – nämlich reisen, unterwegs sein. Freilich stellten sich sofort drängende Fragen ein: Kann man davon leben? Kann man darauf eine Existenz gründen? In dieser Situation begann ich mit meinem Studium, das von vornherein eine brotlose Kunst war, aber mich ungemein interessierte, nämlich Ethnologie. Schon damals spürte ich intuitiv, dass es im Leben nicht entscheidend ist, was man tut, sondern wie man es tut, mit welcher Motivation und dass die Begeisterung die Flügel verleihende, Berge versetzende Kraft ist und nicht der bloße Wille. Für mich war es das Reisen, das dieses Feuer in mir erzeugte. So studierte ich Ethnologie mit dem Hintergrund, dass es mir dann möglich wäre, in ferne Gegenden zu fremden Völkern zu reisen. Das waren zugegebenermaßen naive Träume und ich erkannte sehr schnell, dass ich sie schützen, sie mir bewahren musste, weil ich in meiner Umgebung mit großem Schrecken sah, wie Andere in meinem Alter ihre Träume sehr früh verrieten, aufgaben und sich den alltäglichen Zwängen, ohne größeren Widerstand zu leisten, unterordneten.

conturen: Gehört das Bewahren von Träumen für Sie mit zur Selbstfindung?

Baumann: Auf jeden Fall. Ich wollte eine Möglichkeit finden, die es mir erlaubte, halbwegs auf eigenen Füßen zu stehen, ohne aber gleich zum homo faber zu werden. Denn die Milchmädchenrechnung, ich ergreife zunächst einmal einen Beruf, um Geld zu verdienen, mit dem ich mir dann meine Freiheit erkaufe, geht nicht auf. Das hatte ich früh erkannt. Ich wollte mich nicht auf ein imaginäres Morgen vertrösten, wie so viele in meiner Umgebung, die davon schwärmten, später, im Alter „große Reisen“ zu unternehmen. Ich wusste, selbst dann, wenn solche Träume wahr werden sollten, würden es ganz andere Reisen sein, als man sie in jüngeren Jahren erleben kann.

Aus dieser Erkenntnis heraus kam es mir darauf an, meine Träume jetzt zu verwirklichen. Und so schlug ich einen Weg ein, der es mir ermöglichte, parallel zu den Reisen das auf ihnen Erlebte, Erfahrene anderen zu vermitteln. Das sah ich für mich als meine ideale Lebensform an, um Beruf und Berufung miteinander in Einklang zu bringen. Und Berufung bedeutete für mich, Reisen als Mittel zu benutzen, um die Welt zu erkennen – ganz im Gegensatz zu Konfuzius, der gesagt haben soll, er könne die Welt von seinem Zimmer aus erkennen. Doch alle Versuche, meinen Beruf im engeren Sinne zu definieren, drücken nur die Ohnmacht aus, mich irgendwo einzuordnen. Deshalb habe ich alle diese Ausdrucksformen gleichzeitig entwickelt: das Fotografieren, das Filmen, das Schreiben usw.

conturen: Sie haben sich einmal als „Grenzgänger“ bezeichnet. Was bedeutet es für Sie, ein „Grenzgänger“ zu sein?

Baumann: Für mich besteht ein großer Unterschied zwischen normalen Reisen zu Zielen, die andere auch erreichen können und zu denen man keine besondere Qualifikation, kein größeres Durchhaltevermögen und keine visionäre Kraft benötigt, und eben grenzüberschreitenden Reisen. Das recht abgegriffene Wort Expedition vermeide ich bewusst, denn Expedition heißt noch nicht Grenzgang. Expedition besagt nur, dass es ein unbekanntes Moment geben muss. Das kann ein unbekannter geographischer Bereich sein, aber es kann auch darin bestehen, den Stätten einer alten Kultur nachzuspüren.

Ein Grenzgang beinhaltet für mich, dass es tatsächlich um eine „Grenzüberschreitung“ geht. Das bedeutet, sich aus der Komfortzone nicht nur in die Herausforderungszone hinein zu begeben wie bei einer Expedition, sondern noch weiter in die Risikozone. Bei einem Grenzgang habe ich kein Satellitentelefon dabei, denn wenn ich aus Sicherheitserwägungen eines bei mir tragen würde, könnte ich im Ernstfall Hilfe herbeirufen. Nur wenn ich mich ohne jede Rückversicherung auf ein Unternehmen einlasse, gehe ich an meine Grenzen und über sie hinaus.

conturen: Das heißt, Grenzgang bedeutet für Sie, bewusst das Risiko zu suchen?

Baumann: Wir sind heutzutage eine solche Komfortabilität gewohnt, dass wir unsere Fähigkeiten und Möglichkeiten nur ausschöpfen, wenn wir unausweichlich dazu gezwungen sind. Nur dann haben wir die einzigartige Chance, unser gesamtes Potenzial zu erkennen, zu erfahren und abzurufen. Und das ist unendlich viel mehr, als wir gemeinhin glauben, an Herausforderungen bestehen zu können.

Die meisten Menschen erleben Grenzgänge auf ganz anderer Ebene: zum Beispiel durch schwere Krankheit. Da bricht auch alles an Pseudosicherheiten weg, wenn der Arzt einem Patienten eine Lebenserwartung von nur mehr zwei oder drei Monaten in Aussicht stellt. Dann ist der Mensch ausgesetzt und befindet sich im Zustand der hundertprozentigen Selbstverantwortung. Das ist für mich die Hauptqualität eines Grenzganges. Diese Grenzerfahrung – das habe ich auch erst spät erkannt – hat einen enormen Wert.

conturen: Wie sah dieser Grenzgang in Ihrem Fall aus? Bei welchem Ihrer Unternehmen haben Sie sich soweit in die Risikozone vorgewagt, dass es tatsächlich zu einer Grenzüberschreitung kam?

Baumann: Grenzgänge sind heute auf unserem Planeten nur sehr bedingt möglich. Es gibt kaum noch Räume, wo man sich aussetzen kann, um ganz auf sich allein gestellt zu sein. Ich hatte bisher nur einmal die Möglichkeit, eine solche Grenzerfahrung zu machen. Das war 2003 bei meinem Alleingang in der Wüste Gobi. Ich hatte mein Know-how, meine Kompetenz so weit gesteigert, dass ich an eine Grenze gelangte und die Chance sah, diese Grenze zu verschieben. Es hatte aber 15 Jahre gedauert, bis ich mein Know-how dergestalt entwickelt hatte, dass mir die Überschreitung einer Grenze möglich wurde. Bei meinem ersten Versuch 1996 bin ich gescheitert und wäre beinahe umgekommen.

Ein Grenzgang ist immer Innovation, ist immer ein Schritt in ein Neuland hinein. Und es gibt keine Innovation ohne Fehler. Wer glaubt, in der Komfortzone innovativ zu sein, täuscht sich selbst. In der Komfortzone kann man nur den ausgetretenen Wegen folgen. Erst wenn man sich in die Herausforderungen der Risikozone hineinbegibt, eröffnen sich neue Möglichkeiten, neue Wege. Das ist der Nutzen, den man für sich aus einer solchen Grenzerfahrung mitbringen und in sein Leben integrieren kann.

conturen: Hat die Erfahrung dieses Grenzganges Ihre Einstellung zum Leben verändert?

Baumann: Das sind die Fragen, die sich nach dem Grenzgang stellen. Mitbringen kann ich nur die Erfahrung. Aber was mache ich mit dieser Erfahrung? Kann sie mich verändern? Lebe ich jetzt geistesgegenwärtiger, angstfreier als vorher? Brauche ich weniger Scheinsicherheiten? Was ich aus der Wüste mitnehmen konnte, war die Erkenntnis, viel mehr Möglichkeiten zu besitzen, als ich bis dahin gedacht hätte. Natürlich kann ich diese Möglichkeiten nicht jederzeit abrufen, aber allein zu wissen, dass es sie gibt, vermittelt ein Gefühl wie ein tröstender Freund, der einem zeitlebens zur Seite steht. Und wenn mich das Leben hier wieder hart anpackt, dann brauche ich nur in mich hineinzuhören – und alles relativiert sich sofort. Das ist etwas sehr Wertvolles. Vor einem Grenzgang weiß man meist gar nicht, warum man ihn antritt. Denn natürlich riskiert man dabei sein Leben. Schließlich gibt es nichts, was man nehmen kann, ohne dafür etwas geben zu wollen. Das ist irreal, Wunschdenken, das nicht erfüllbar ist. Ich muss bereit sein, etwas von mir zu geben.

conturen: Bei Ihrem Alleingang durch die Wüste Gobi waren Sie bereit, Ihr Leben zu riskieren?

Baumann: Ich war in diesem Fall tatsächlich bereit, das zu geben, was mir am wertvollsten war, nämlich mein Leben. Selbstverständlich bin ich nicht mit der Voraussetzung in die Gobi gegangen, mein Leben zu verlieren. Ganz im Gegenteil. Aber die Möglichkeit, es zu verlieren, war durchaus real. Die Erfahrung war für mich einzigartig und einmalig – und zum Glück bin ich nicht süchtig geworden. Wenn man nämlich diese Grenzerfahrung einmal gemacht und ihre Konsequenz verinnerlicht hat, dann braucht man keine zweite mehr. Denn was kann ich mehr erfahren, als ich bei diesem einzigen Mal erfahren habe? Entweder habe ich diese Erfahrung gemacht oder ich habe sie nicht gemacht. Habe ich sie nicht gemacht, dann freilich muss ich einen neuen Versuch wagen. Für mich bedarf es keiner „Dosissteigerung“ mehr: Ich war ein einziges Mal in meinem Leben ganz auf mich allein gestellt und ich musste zum ersten Mal die Gesamtheit meiner Möglichkeiten in der Gleichzeitigkeit leben – das ist ein gewaltiger Unterschied zu anderen Erfahrungen.

In der Gleichzeitigkeit zu leben – das gibt es sonst nirgendwo. Wenn ich heute einen Sport betreibe, dann kann es sein, dass ich körperlich an mein Limit gehe. Aber das geschieht in einer abgesicherten Arena. Ein Tour-de-France-Fahrer, der auf einem Alpenpass über seine Grenzen geht und erschöpft vom Rad fällt, wird sofort von Ärzten, Helfern und Masseuren versorgt – eine komplette medizinische Infrastruktur steht bereit. Er ist zwar körperlich an seine Grenze gegangen oder auch darüber hinaus. Aber er war nicht ausgesetzt. Bei meinem Alleingang in der Gobi jedoch sah ich mich gleichzeitig auf allen Ebenen Herausforderungen gegenüber gestellt: Ich war körperlich am Limit, durfte aber nie über die Grenze gehen, denn das hätte meinen Tod zur Folge gehabt. Ich war intellektuell gefordert, musste vorausplanen wie ein Schachspieler und durfte dabei keine Fehler machen. Und ich musste mich mit der Angst und der Einsamkeit auseinandersetzen.

conturen: Was haben Sie empfunden, als Sie so allein durch die Wüste gingen mit nichts als Sand um sich herum?

Baumann: Ich habe verschiedene Phasen durchlebt: Am Anfang war das Trauma meines Scheiterns von 1996 da. Das hat mich nieder gedrückt und aus meiner Geistesgegenwärtigkeit gerissen. Jeder, der auf einen Berg steigt, weiß, wenn er alle dreißig Sekunden nach oben schaut und sich ärgert, wie weit es noch bis zum Gipfel ist, dann gestaltet sich sein Aufstieg zu einem Leidensweg. Er tut dann genau das, was wir meist in unserem Leben tun: Wir wollen immer schon weiter sein, als wir sind. Unentwegt denken wir nur an das Morgen und vergessen dabei, dass die Gegenwart die Zukunft begründet. Natürlich ist es wichtig, sich zu motivieren, eine Vision zu haben. Aber wenn man einmal unterwegs ist, darf man nicht mehr nach vorne denken und schon am Ende, am Ziel sein wollen. Sonst wird es sehr schwierig. In dieser ersten Phase war ich genau in diesem Zustand: Alle paar Minuten blickte ich auf die Uhr und mir wurde bewusst, mit welcher unendlichen Langsamkeit ich mich vorwärts bewegte. Auch hatte ich das Empfinden, mich einer gewissen Lächerlichkeit auszusetzen. Denn genau um diese Zeit hatten die Chinesen ihren ersten Astronauten in den Weltraum geschickt, der nur ein paar Hundert Kilometer von meiner Route entfernt landete. Während ich also bei meinem Alleingang der Wüste mühselig Kilometer um Kilometer abrang, umkreiste der chinesische Astronaut viele Male die Erde. Es war lähmend, es war ein Kampf. Die Wüste war mein Feind.

conturen: Fürchteten Sie, abermals zu scheitern?

Baumann: Diese Ängste beschäftigten mich nur in der ersten Phase. Später kam ich in diese andere Phase hinein, in der die Wüste nicht mehr mein Feind war. Da hatte ich begriffen, dass es nicht darauf ankam, ein Held aus Fleisch und Blut zu sein, sondern vielmehr die dynamischen Eigenschaften eines Sandkorns anzunehmen, denn nur die können dort dauerhafte Bestandteile dieser Landschaft sein. Und dann hatte ich diese Momente der Hellsichtigkeit: Wie aus der Vogelperspektive konnte ich mein Leben überblicken, die Kreuzungspunkte erkennen, wo ich Entscheidungen getroffen hatte, wo es eine Abzweigung gab, wo ich eine andere Richtung eingeschlagen hatte – es war phantastisch. Früheste Kindheitserinnerungen kamen auf: Eines dieser Bilder war, wie mich als Sechzehnjähriger eine meiner ersten Reisen nach Kreta führte und ich vor dem Grab des griechischen Dichters Nikos Kazantzakis stand, der noch zu Lebzeiten die drei knappen Sätze in seinen Grabstein meißeln ließ: Ich fürchte mich vor nichts. Ich hoffe auf nichts. Ich bin frei. Das hatte mich damals enorm beeindruckt, doch ich hatte es längst vergessen. Jetzt war es wieder da. Ich wusste, dass ich diesen drei Sätzen nun am allernächsten war. Ich konnte auf nichts von außen hoffen, ich konnte nichts erwarten. Ich musste vielmehr alle Antworten auf das, was mir widerfährt, bei mir selbst suchen. Gefordert war: hundertprozentige Selbstverantwortung, das, womit wir uns so schwer tun, und hundertprozentige Geistesgegenwart. Ich war frei. Denn alles, was ich besaß, trug ich auf dem Rücken und damit konnte ich in der Wüste überall hingehen. Das waren ganz großartige Momente.

conturen: Sie deuteten es bereits an: Ehe Ihnen die Überschreitung der Grenze möglich wurde, haben Sie 15 Jahre lang auf diese Grenze hingearbeitet und sind mehrfach gescheitert. Ist dieses Scheitern für Sie Teil der Grenzerfahrung?

Baumann: Ja, das waren alles Zwischenschritte. Bevor ich diesen Alleingang bis zur Erreichung der Grenze und ihrer Überschreitung unternahm, waren viele Expeditionen vorausgegangen: zuerst mit Karawanen, dann 1996 der erste reguläre Versuch und sein Scheitern. Und eine der entscheidendsten Erfahrungen auf diesem Weg war, dass ich zweimal mit einer Karawane beinahe umkam. Die Kamele verdursteten, womit der Untergang der Karawane zum Teil stattgefunden hatte, zum Teil stattzufinden drohte. Als Verantwortlicher nicht nur für mich, sondern für die gesamte Karawane musste ich dafür sorgen, dass der Rest der Karawane überlebte und das hieß, Wasser zu finden.

Wenn man sich mitten in der Wüste befindet und in allen Richtungen, soweit das Auge reicht, nichts als Sand erblickt und weiß, dass es im Umkreis von Hunderten von Kilometern kein Wasser gibt, dann vermag man mit logischem, rationalen Verstandeswissen, mit all dem, was wir uns aneignen, mit dem wir unsere Prüfungen bestehen und unsere Karrieren machen, nichts mehr anzufangen. In Situationen, wo es um Leben und Tod geht, wird solches Wissen nutzlos. Und in einer solchen Situation, in der es keine Alternative gab, tat ich etwas, was man eben normalerweise nicht tut: Ich ging meinem Gefühl nach, der emotionalen Intelligenz, wie es im modernen Sprachgebrauch heißt. Und – so unwahrscheinlich es klingen mag – ich fand Wasser. Auch später ist es mir noch zweimal geglückt, in einer scheinbar aussichtslosen Situation Wasser zu finden.

Erst danach habe ich reflektiert, dass es tatsächlich diese andere, „geheime“ Wissensquelle in uns gibt. Nur haben wir im Westen sie im Zuge der Entwicklung durch die Überbetonung unserer Kopflastigkeit verschüttet, während die Asiaten sie erforscht und gelebt haben. In einer scheinbar ausweglosen Situation lernte ich, diese Wissensquelle nicht nur zu „hören“, sondern auch, ihr zu vertrauen. Das hat sich bei mir soweit eingeprägt, dass ich heute bei ganz normalen Vorgängen, etwa bei der Absicht, einen Brief zu schreiben oder ein bestimmtes Telefonat zu führen, diesen Plan erst verwirkliche, wenn ich das Gefühl in mir verspüre: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt gekommen. Das ist eigentliche Lebenskunst: Das Richtige zum richtigen Zeitpunkt zu tun.

conturen: Hat diese Erfahrung des Scheiterns Sie nicht abgeschreckt oder entmutigt, dann doch noch den Alleingang zu wagen?

Baumann: Nein. 1994 ging ich in die Gobi, wo ich erstmals die Möglichkeit hatte, ein sandiges Herzstück dieser Wüste zu durchmessen. Von diesem Zeitpunkt an ging ich immer und immer wieder in die Gobi. Und da entwickelte sich im Laufe der Zeit bei mir die Idee, es könnte doch möglich sein, was ich nach meinen ersten Wüstenerfahrungen zunächst für absolut ausgeschlossen hielt, eine Sandwüste im Alleingang zu durchmessen. Das ist etwas ganz anderes als durch eine mongolische Jurtenlandschaft zu gehen oder per Anhalter durch die Mongolei zu fahren. In dieser Wüste gibt es die höchsten Sandberge der Welt, die im Durchschnitt bis zu 400 Meter Höhe erreichen.

Das war für mich das Territorium, wo ich die Chance sah, meine eigenen Grenzen zu versetzen. Hier könnte ich meine inneren Erfahrungen, meine geistigen, spirituellen Erfahrungen noch erheblich steigern. Hier war zu erwarten, dass ich mich auf etwas einlassen musste, das ins Unbekannte ging, denn es gab keine einzige Erfahrung eines Vorgängers. Es gab nicht einen einzigen Bericht eines Menschen, der vorsätzlich vor mir versucht hatte, eine Sandwüste im Alleingang ohne Kamele und ohne künstliche Wasserreservoirs zu durchqueren. Mein Alleingang in die Gobi war ein Schritt ins Unbekannte. Ich wusste weder, wie viele Liter Wasser ich benötigen würde, noch mit welchem Gewicht ich wie schnell würde laufen können. All das musste ich erst erfahren. Jeden Schritt musste ich selbst generieren. Dass mein erster Versuch 1996 mein Scheitern mit sich brachte, hatte, im Nachhinein betrachtet, auch seine gute Seite: Es war einer meiner wichtigsten Erfahrungsschritte, um meinen Grenzgang schließlich zu verwirklichen.

conturen: Es war, wie Sie berichten, Ihre frühe Lektüre der Bücher des legendären schwedischen Forschers Sven Hedin, durch die Sie sich für das Phänomen Wüste begeistern ließen. Wenn Sie sich an Ihre erste Begegnung mit der „realen Wüste“ erinnern: Wann und wo fand sie statt?

Baumann: Das war jene Takla Makan, die Sven Hedin 1895 zu durchqueren versuchte. Ich habe viele seiner Bücher gelesen. Aber Hedin schrieb nicht immer die volle Wahrheit. Er etikettierte sich als Forscher, ließ jedoch viele ihm unangenehme Ereignisse in seinen Büchern einfach weg. Und so gab es nur ein Buch „Durch Asiens Wüsten“, das mich wirklich berührte, weil es eine starke emotionale Komponente in sich trug. Das in diesem Buch geschilderte Wüstendrama konnte Hedin einfach nicht distanziert beschreiben. Die existenzielle Not, in der er sich befunden hatte, war eine zu tiefgreifende, als dass es ihm möglich gewesen wäre, sich mit leichten Worten darüber hinweg zu setzen. Als sich China Mitte der 80er-Jahre öffnete und die Möglichkeit bestand, individuell dorthin zu reisen, gab es für mich nur zwei Ziele: Tibet und die Wüsten an der Seidenstraße. Die Seidenstraße mit ihren vielen Oasen und Städten, deren Namen Samarkand, Buchara, Kashghar oder Dunhuang einen wie Mantras auf der Zunge zergehen, interessierte mich schon immer und natürlich die großen Wüsten, die Hedin und viele andere durchquert hatten. Aber als ich die Seidenstraße entlang reiste, war ich zunächst sehr enttäuscht. Denn von den Wüsten konnte ich nichts entdecken, sie waren weit weg, geradezu unerreichbar. Die Straßen der heutigen modernen Verkehrsverbindungen befinden sich in großer Entfernung von den Wüsten.

conturen: Diente jede Ihrer Wüstenreisen einem bestimmten Zweck, beispielsweise einem wissenschaftlichen Vorhaben?

Baumann: Am Anfang war es pure Neugier, die mich in die Wüste zog. Natürlich stand dahinter auch mein Forscherdrang, noch irgendwo eine Grauzone zu finden, irgend etwas wieder zu entdecken oder nach diesen Pionieren, die gewissermaßen meine Vorbilder waren, als erster wieder an den von ihnen besuchten Orten zu sein. Aber je mehr ich mit der Wüste in Berührung kam, desto stärker trat in mir diese andere Komponente in Erscheinung: Die Wüste als reinen Ort der Selbsterfahrung kennen zu lernen. Und zwar wollte ich die Wüste als einzelner Mensch erfahren, nicht als Mensch-Maschine. Ich wollte sinnlich spüren, wie es sich anfühlt, wenn man sich als Erwachsener einem solchen „Sandkasten“ aussetzt.

Natürlich war ich viel zu spät gekommen, hundert Jahre vielleicht: Es gab keine Karawanen mehr, so dass ich mir selbst eine Karawane anschaffen musste, mit der ich dann in die Takla Makan hineinzog. Das war 1989 und meine erste wirkliche Erfahrung mit der Wüste – eine Geh-Erfahrung. Denn ich begab mich – zum großen Erstaunen der Chinesen – zu Fuß durch die Wüste, ein Kamel hinter mir herführend. Die Chinesen empfanden das als ausgesprochen lächerlich, wo ich mir als Westler doch ein Auto hätte leisten können.

conturen: Und was war Ihr Eindruck?

Baumann: Bereits diese erste Erfahrung war ein Schlüsselerlebnis für mich. Was die Wüste von jeder anderen Naturlandschaft unterscheidet, ist die Dimension der Wasserlosigkeit. Die Wüste zwingt uns Menschen in extremer Konsequenz das dynamische Grundprinzip des Lebens auf. Stillstand in der Wüste heißt für den Menschen Tod. Denn ich benötige in jeder Sekunde Wasser. Ich dehydriere in jeder Sekunde, ob ich stehe und die Dünen anschaue, ob ich schlafe, raste oder gehe. Folglich kann ich nur gehen. Denn irgendwann ist mein Wasservorrat aufgebraucht und ich muss zu einem Ziel gelangen, wo es Wasser gibt, an eine Oase oder einen Brunnen. Dieses dynamische Grundprinzip ist nur der Wüste eigen.

Die andere Besonderheit der Wüste ist die Stille. Sie lässt sich in keiner Weise mit jener Stille vergleichen, die wir erleben, wenn wir hierzulande einmal in die Natur hinausgehen, in den Wald oder ins Gebirge. Wir werden immer Geräusche vorfinden. Anders in der Wüste: In ihr herrscht absolute Stille. Da hört man nur noch den eigenen Atem – für viele eine derart beklemmende Erfahrung, dass sie vor sich selbst weglaufen. Für mich hingegen war es eine großartige Erfahrung. Oft lief ich stundenlang allein der Karawane voraus. Ich konnte Gedankenketten fortspinnen, ohne störenden Lärm und dadurch in die Tiefe dringen. Dabei begriff ich, dass die Wüste viel tiefer in die menschliche Seele hineinschneidet und warum Antoine de Saint-Exupéry die Wüste mit überbordender Poesie befrachtete und warum Propheten in die Wüste gingen. Die Wüste zwingt den Menschen, sich mit den kosmischen Gesetzmäßigkeiten auseinander zu setzen. Ich spürte von den allerersten Schritten an, dass die Wüste mein Element ist.

conturen: Tatsächlich entdeckten Sie gleich bei dieser ersten Wüstenreise eine alte Ruinenstadt...

Baumann: Das geschah wiederum rein mit diesem intuitiven Ansatz. Es gab keinen Hinweis. Ich hatte nur aus alten Reiseberichten eine generelle Marschrichtung. Jeder kann sich vorstellen, was es heißt, wenn man in der Wüste steht, nur Sanddünen um sich herum sieht, die alle gleich ausschauen, und im Text heißt es: Wir sind in nordwestlicher Richtung gelaufen. Das kommt dem Suchen der berühmten Stecknadel in einem Heuhaufen gleich. Ich lief seinerzeit den chinesischen Aufpassern, die uns jede Suche nach Ruinen untersagt hatten, davon und fand tatsächlich diesen Ort. Das war für mich eine Sternstunde, die mich wiederum näher an dieses intuitive Wissen heranbrachte.

conturen: In Ihrem Buch „Karawane ohne Wiederkehr“ schildern Sie Ihre dramatische Expedition im April 2000 auf den Spuren der berühmten Expedition von Sven Hedin vom April 1895 durch die Takla Makan. Zweck Ihres Unternehmens war es, Hedins zurückgelassene Fotoplatten und andere Reste des sogenannten „Todeslagers“ zu finden, um das Rätsel des tatsächlichen Schicksals der Karawane aufzuklären, das anders verlaufen sein muss, als es Hedin nach seiner Rückkehr selbst geschildert hat. Aber mussten Sie nicht von Anfang an damit rechnen, dass das Auffinden des Hedin’schen Lagers nach weit über einem Jahrhundert unter den realen Gegebenheiten der Wüste praktisch aussichtslos war?

Baumann: Die Chancen, das Todeslager zu finden, hielt ich etwa zur Hälfte für gegeben. Die Takla Makan ist eine Flugsandwüste mit unglaublicher Dynamik. Der Sand dort bewegt sich viel schneller fort, als in einer anderen Wüste. Es gibt die extremsten Sandstürme. Denn die Takla Makan liegt auf tausend Höhenmetern und ist umgeben von 7000 Meter hohen Gebirgszügen, die sie buchstäblich einkesseln. Was sich hier an Stürmen entwickelt, kann man sich kaum vorstellen. Sven Hedin geriet seinerzeit in die Sandsturmsaison hinein. Durch die Dynamik des sich bewegenden Sandes konnte es durchaus sein, dass in diesen mehr als hundert Jahren Hunderte und Aberhunderte von Sanddünen über das Todeslager gewandert sind, wobei das Lager immer wieder einmal zum Vorschein kam, bis es von der nächsten Düne erneut überdeckt wurde. Vor diesem Hintergrund hielt ich die Chancen, Hedins Lager zu finden, durchaus für gegeben. Die Route war relativ klar, aber um das Suchen kam man nicht herum.

Vollkommen unterschätzt hatte ich die Schwierigkeiten in der Wüste. Denn natürlich mutmaßte ich, Hedin hätte in seinem Bericht nicht die volle Wahrheit gesagt, sondern aus diesem Untergangsdrama eine Heldengeschichte gestrickt. Zu dieser Mutmaßung kam ich, als ich bei meinem Unternehmen 1996 selbst fast verdurstet wäre. Hätte ich damals gemacht, was Hedin in einer solchen Situation angeblich praktiziert hatte, wäre ich niemals lebend aus der Wüste herausgekommen. Hedin grub sich nämlich, als er kein Wasser mehr hatte – immer laut seinem Reisebericht – am Tage vollkommen nackt für zwölf Stunden im Sand ein. Der Sand heizt sich an der Oberfläche auf achtzig Grad auf. Ich probierte das eine halbe Stunde lang aus und wäre fast wahnsinnig geworden. Man trocknet lebendig aus. Selbst angenommen, es wäre möglich, zwölf Tagesstunden eingegraben im Sand der Gobi zu verbringen – der Zeitverlust wäre nicht mehr aufholbar, um noch eine Wasserstelle zu erreichen. Da geht es um jede Stunde. Da kann ich mich nicht in den Sand legen und warten, bis der Abend kommt und es kühler wird, um mich dann wieder auf den Weg zu machen. Das ist total absurd. Wenn ich kein Wasser mehr habe, muss ich in einen Wettlauf gegen die Zeit eintreten. Und deshalb nahm ich an, dass die Geschichte nicht stimmt und das ganze Unternehmen wohl nicht so dramatisch ablief, wie er es uns schilderte.

conturen: Hätten Sie Hedins Spuren nicht auch anders folgen können?

Baumann: Theoretisch hätte ich mit einem Hubschrauber über die Wüste fliegen können, was allerdings praktisch nicht möglich gewesen wäre, da große Teile der Wüste militärisches Sperrgebiet waren. Ich hätte mein Unternehmen auch zu einer anderen, günstigeren Jahreszeit durchführen können. Doch ich hatte den Selbstanspruch, Hedins Geschichte noch einmal zu schreiben und zwar wahrheitsgetreu auf der Grundlage der eigenen Erfahrungen. Wichtig für mich war, eine ähnliche Situation zu erzeugen, wie sie Hedin erlebte. Wäre ich in der besten Jahreszeit in die Wüste hineingegangen, hätte ich keinen Rückschluss auf die Ereignisse der Expedition Hedins ziehen können.

Was ich allerdings auch nicht bedacht hatte, war, dass die Wüste innerhalb der hundert Jahre seit Hedins Expedition noch viel wüstenhafter geworden war. Wo Hedin noch gebadet hatte und Enten flattern hörte, gab es längst kein Wasser mehr, sondern nur noch reine Wüste. Schon beim Anmarsch auf der Route Hedins mussten wir nach Wasser graben. Dann kam die letzte Wasserstelle, wo sich zu Hedins Zeiten noch ein 25 Kilometer langer See befunden hatte. Von ihm war nichts mehr zu sehen. Erst nach langem Suchen konnten wir in dem ausgetrockneten Seegrund eine Wasserstelle finden.

conturen: Das heißt, Sie sind zwar unter denselben Bedingungen wie Sven Hedin aufgebrochen, mit derselben Anzahl an Kamelen und Begleitern und sogar fast am selben Tag vom selben Ort, aber die Gegebenheiten waren dennoch andere?

Baumann: Ich hatte auf dieser Reise einheimische Partner dabei, Kamelzüchter, die eine wichtige Kompetenz einbrachten, nämlich die Tiere und ihre Leistungsfähigkeit sowie Grenzen dieser Leistungsfähigkeit zu beurteilen. Meine Aufgabe war die des Anführers. Ich hatte errechnet, wie viel Wasser wir für uns und die Kamele benötigten, um das Unternehmen bestehen zu können. Von Hedin wusste ich, dass er für die Kamele nicht einen einzigen Tropfen Wasser einkalkuliert hatte und deshalb auf seiner Expedition auch alle Kamele zugrunde gingen, ebenso sämtliche seiner Begleiter. Nur Hedin selbst überlebte.

Meinen einheimischen Begleitern hatte ich von vornherein klar gemacht, dass sie in unserem Fall nicht von ihren bisherigen Erfahrungen ausgehen könnten, nötigenfalls in der Wüste durch Grabungen auf Wasser zu stoßen. Das war zwar in anderen Teilen der Takla Makan möglich, hier aber traten wir in eine Todeszone ein, in der man schon vor hundert Jahren umsonst gegraben hatte. Meine Begleiter erklärten mir, hundert Liter pro Kamel seien ausreichend, die würden wir ihnen an den ersten sechs Tagen geben, dann könnten sie die nächsten sechs Tage durchlaufen. Die Kamelzüchter hatten das allergrößte Interesse, jedes ihrer wertvollen Tiere durchzubringen, denn unsere geschäftliche Abmachung beinhaltete, dass ich ihnen vor Antritt unserer Expedition die Kamele abkaufe und sie ihnen nach Abschluss des Unternehmens zurückschenke.

So marschierten wir in die Wüste hinein. Und dann kamen wir in diese dramatischen Umstände: Das Wasser ging zur Neige, die Kamele hatten alles aufgebraucht. Sie wurden schwächer und schwächer, fielen um und wir mussten sie zurücklassen – das waren für mich die schlimmsten Situationen. Wir hatten alles versucht, die Tiere zu retten, indem wir ihnen beispielsweise Äpfel gaben, die wir noch dabei hatten und unseren eigenen Wasserbedarf bis an die unterste Grenze minimierten. Doch das war für die Tiere nur ein Tropfen. Unsere Lage gestaltete sich teilweise schlimmer, als Hedin sie erlebte.

conturen: Aber Spuren haben Sie von ihm keine entdeckt?

Baumann: Als wir in den Bereich kamen, in dem Hedins Karawane zugrunde ging, hatten wir überhaupt keinen Spielraum mehr, nach irgend etwas zu suchen. Wir waren gezwungen, nur noch um das nackte Leben zu laufen. Die Chance, etwas von Hedins Lager zu finden, war auf null geschrumpft. Vielmehr schufen wir beinahe unser eigenes Todeslager. Wir mussten fast alles zurücklassen bis auf zwei Kamele mit den wichtigsten Teilen unserer Ausrüstung. Vor uns lagen noch etwa sechzig bis siebzig Kilometer. Wir teilten das restliche Wasser unter uns auf, jeder bekam noch fünf Liter, nahmen unsere Reisepässe und das Geld und machten uns auf den Weg.

Ich ging voraus. In dieser Extremsituation machte ich eine wertvolle Erfahrung. Ich wusste, dass ich der Stärkste unserer Gruppe war. Ich hatte die meiste Erfahrung und konnte viel schneller laufen, um ans Wasser zu kommen. Dennoch widerstand ich der Versuchung, die Gruppe aufzulösen und zu sagen, jeder müsse sich von nun an allein durchschlagen. Mir war bewusst, dass wir Schadensbegrenzung nur gemeinsam leisten konnten. In dieser Situation brachte jeder von uns – auch die Einheimischen – seine Kompetenz ein.

conturen: „In der Wüste war ich der einsamste Mensch und der reichste“, sagten Sie einmal. Bedeutet Ihnen das Erlebnis der Wüste auch heute noch eine existenzielle Notwendigkeit?

Baumann: Ich würde heute kein Todesrisiko mehr eingehen. Diese Motivation, von der ich damals ergriffen war, werde ich nie wieder aufbringen. Ich sehe keinen Sinn mehr darin. Alle Erfahrungen, die ich in der Wüste machen wollte, habe ich gemacht. Sie sind in mir lebendig und bereichern mich. Was ich gerne wieder machen möchte, ist, in der Wüste zu wandern ohne Überlebensdruck, ihre Stille auf mich wirken zu lassen und sie als Quelle von Inspiration zu nutzen. Die Wüste hat mich tatsächlich bereichert – sie hat mich befreit.

Den zweiten Teil des Interviews lesen Sie in der nächsten Ausgabe. Darin berichtet Bruno Baumann von Tibet, seiner Freundschaft zum Dalai Lama, von seiner Entdeckung des legendären „Shambala“ oder „Shangri-La“ und von seinen Grenzerfahrungen