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Gespräch mit Bruno Baumann

 

Herr Baumann, Sie sind einer der letzten großen Abenteurer des Abendlands, einer, der wie früher Sven Hedin oder heute Reinhold Messner permanent die Grenzen überwindet, um die unwirtlichsten oder unbekanntesten Regionen der Erde zu bereisen. Was treibt Sie an, diese Reisen, die ja nicht nur äußere sind, zu unternehmen?

Zunächst einmal möchte ich klarstellen, daß ich überwiegend Forschungsreisen unternehme, in denen ich historische Spurensuche betreibe oder einer Idee oder Vision nachgehe, die mich fasziniert. Solche Reisen führen mich zwar oft in unwirtliche Gegenden und können mitunter sogar gefährlich sein – zum Beispiel als ich versuchte die Hintergründe der Todeskarawane des Schweden Hedin in der Takla Makan aufzuklären und ein ähnliches Wüstendrama durchlebte – aber das sind keine Grenzerfahrungen. Um einer Grenzerfahrung willen bin ich nur einmal aufgebrochen, nämlich zu meinem Alleingang in der Gobi. Dabei ging es mir in der Tat in erster Linie um innere Erfahrungen. Die Wüste war der idealste Ort dafür. Ich wollte mich einmal in meinem Leben so weit aussetzen, daß ich ganz auf mich allein gestellt war, also etwas erfahren, daß sich weder in der Komfortzone, in der wir unser Leben eingerichtet haben, noch in der abgesicherten Arena des Leistungssports erfahren läßt. Als Voraussetzung dafür bedarf es einerseits Unbekannte und andererseits das „Auf-sich-allein-gestellt-Sein“, denn das zwingt einem das ganze Potential unserer Möglichkeiten gewahr zu werden und zu leben – und zwar in der Gleichzeitigkeit! Das ist eine wunderbare Erfahrung und dieses Wissen um die eigenen Möglichkeiten ist es, was ich aus der Wüste mitnahm, hierher, und diese Erfahrung steht mir nun Tag für Tag zur Seite wie ein tröstender Freund, wenn mich das Leben scheinbar wieder einmal hart anpackt.

Wenn Sie die Wüsten und die großen Naturlandschaften der Welt durchwandern, begegnen Ihnen Menschen und Kulturen, die zu den uns vertrauten grundverschieden sind. Ist dieser „Clash of cultures“ für Sie ein notwendiges Übel oder geradewegs das, wonach Sie sich insgeheim sehnen?

Die äußeren Unterschiede zwischen Menschen interessieren mich nicht, eine ganze Generation von Ethnologen war beschäftigt diese zu beschreiben. Diese Unterschiede werden heute im Zeitalter der Globalisierung oder durch den „Clash of Cultures“ wie sie es nennen, immer geringer. Mich interessiert das Verbindende, das universell gültige in den verschiedenen Kulturen. Ich bin neugierig zu erfahren, ob diese oder jene Kultur andere, vielleicht bessere Antworten auf dieselben Lebensfragen gefunden haben, die uns alle betreffen und denen wir uns irgendwann in unserem Leben, spätestens bei Krankheit oder Tod, stellen müssen.

Als moderner Nomade stehen Sie auch als Sinnbild für den mehr und mehr sein Behaustsein aufgebenden Menschen, der sich nach Abenteuer und Veränderung sehnt. Ist es aber nicht gerade das Gegenteil, nämlich das Bleibende, was uns besser täte als die ständige Sucht nach Neuem?

Das Bleibende ist eine Illusion, Leben heißt Veränderung. Veränderung ist das einzige von Bestand. Wer dieses Grundprinzip ignoriert, wird große Probleme im Leben haben. In der Wüste ist es ganz einfach, dort bedeutet Stillstand physischen Tod, denn nur in Bewegung begriffen kann ich dort überleben. Wer nicht mehr offen ist für neue Erfahrungen, wer nicht bereit ist weiter zu lernen, sich zu verändern, ist auch „tot“ weil er sich aus dem dynamischen Prozess des Lebens ausgeklinkt hat. Die „Sucht nach Neuem“ ist für mich nichts Negatives, sonst würde es ja keine Innovation geben. Naturgemäß gibt es dabei auch Irrungen, vielleicht Felhentwicklungen, aber es gibt keine Innovation ohne Fehler.

Letztlich spüren Sie bei Ihren Expeditionen den Geheimnissen der Erde nach. Was hat Sie bei all dem, was Sie gesehen und erfahren haben, am meisten in Staunen versetzt?

Was mich am meisten in Staunen versetzt ist, daß wir in einer Zeit leben, in die Erde erforscht scheint, in der es keine weißen Flecken mehr auf der Landkarte gibt, in der Satelliten den Globus umkreisen und alles beobachten können, aber es dennoch Geheimnisse und Unbekanntes gibt. Wir selbst sind das Unbekannte, denn wir Menschen verändern uns ständig, unser Bewußtsein verändert sich, durch mehr Wissen, mehr Information, andere Werte, und deshalb entdecken wir das Bild der Erde immer wieder neu. Wir können Zusammenhänge erkennen, haben einen völlig anderen Blick auf die Umwelt und die Wechselwirkung zwischen Mensch und Natur als es beispielsweise Forscher des letzten Jahrhunderts hatten. Wir können also die Welt auch heute noch neu entdecken, vom Standpunkt unseres veränderten Bewußtseins.

Sie führen Ihre Abenteuer meist zu Fuß durch. Was erlebt man beim Be-gehen der Erde? Versteht man den Planeten plötzlich anders?

Die Langsamkeit des Reisens, indem ich so viel wir möglich zu Fuß gehe, ist für mich ein Ausgleich, ein notwendiger Gegenpol zu unserem schnellen Leben hier, nicht nur in Bezug auf die Geschwindigkeit, in der wir uns gewöhnlich motorisiert fortbewegen, sondern vor allem auch hinsichtlich dem Dauerbeschuß an Information dem wir täglich ausgesetzt sind. Immerhin ist eine ganze Industrie – nämlich die Unterhaltungsindustrie – damit beschäftigt, uns zu animieren wie wir unsere teuer erkaufte Freizeit vertreiben können. Freilich ist es paradox, wenn ich tausende Kilometer mit dem Jet fliege, dann noch ein Stück mit dem Auto fahre, um dann ein paar hundert Kilometer durch eine Wildnis oder Leerzone zu laufen.

Die meisten Ihrer Reisen führen Sie nach Asien, ob durch die Wüste Gobi oder die Takla Makan – die größte zusammenhängende Sandwüste der Erde, ob ins verborgene Himalaya-Königreich Mustang oder nach Tibet, zum Kailash. Was macht für Sie die Faszination dieses Kontinents, der ja immer mehr Menschen aus dem Westen verfallen, aus?

In die asiatischen Wüsten gehe ich deshalb, weil diese – vor allem die Takla Makan - weitgehend „Fußgängerzonen“ sind und ich dort die vorhin genannten Selbsterfahrungen machen kann. Der Himalayaraum und Tibet ist zwar eine Gebirgswüste, aber keine Leerzone. Im Gegenteil, es ist uralter Kulturraum und eine durch und durch beseelte Landschaft. Selbst auf der windigsten Paßhöhe, auf Berggipfeln oder an Furten finden sich Zeichen in Form von aufgehäuften Steinen oder Gebetsfahnen, die die Verbundenheit der Menschen ausdrücken mit dem allem was ist. Es gibt dort noch viele Kraftplätze, die deshalb solche sind, weil Menschen seit urdenklichen Zeiten dorthin kommen, nicht als Schaulustige und nicht zum Zeitverteib, sondern als Pilger, mit religiöser Hingabe und mit ihren edelsten und reinsten Gedanken im Gepäck, deren sie fähig sind. Das macht diese Ort zu besonderen Plätzen, von denen ich mich angezogen fühle.

Ihre Expeditionen unternehmen Sie stets allein. Wenn man mit sich selbst reist, begegnet man sich auch leichter. Was geschieht in Ihnen, wenn Sie so auf sich selbst zurückgeworfen sind?

Nein, das stimmt nicht. Nur wenn ich die Erfahrung des „All-eins-Seins“ suche, ziehe ich allein los. Meistens reise ich im Team, als kleines Team von Menschen, die ein gemeinsames Ziel haben. Die Solo-Erfahrung in der Gobi war einmalig und wird als solche auch einmalig bleiben, denn es war für mich die ultimative Erfahrung in der Wüste, die keiner Wiederholung und keiner Dosissteigerung bedarf. In diesen 14 Tagen als ich durch diesen gigantischen Sandkasten lief, war ich ganz und gar geistesgegenwärtig, selbstverantwortlich, denn ich konnte von nirgendwo Hilfe erwarten, ich mußte mich mit meinen Ängsten auseinandersetzen, ich war physisch am Limit, und ich war intellektuell gefordert, denn ich mußte wie ein Schachspieler mehrere Züge vorausplanen, weil schon der geringste Fehler fatal Folgen gehabt hätte. Kurzum, ich war gefordert, mein ganzes Potential gleichzeitig abzurufen und einzusetzen. Ich hatte mich über viele Jahre an diese Grenze herangetastet, denn noch nie zuvor hatte jemand versucht vorsätzlich diese Sandwüste allein zu durchqueren, ohne Kontakt zur Außenwelt, ohne künstliche Wasserdepots. Das waren die selbstauferlegten Spielregeln. Diese Reduktion aber bedeutete letztlich Gewinn. Der „Umweg“ über die Wüste hat sich für mich gelohnt, denn ich lebe seitdem geistesgegenwärtiger, selbstverantwortlicher im Wissen um die eigenen Möglichkeiten, aber auch Grenzen, auch im Wissen, daß wir die meisten Antworten auf die sogenannten Probleme bei uns selber finden können. Denn was in der Wüste – in der Zone der Herausforderung und des Risikos - möglich war, sollte wohl in der Komfortzone unseres Lebens hier allemal möglich sein.

Seit jeher ist die Wüste auch Sinnbild der Selbsterfahrung. Von Moses bis Johannes und Jesus, von St.Exupéry bis Paul Bowles suchten immer wieder wichtige Persönlichkeiten die Begegnung mit der Ewigkeit. Was ist die wichtigste Erkenntnis, die Sie die Wüste lehrte?

Seit ich selbst in der Wüste war, ist mit völlig klar, warum die Wüste mehr als jede andere Landschaft bestimmte Menschen anzieht – Suchende eben, die dort ihren Gott oder nach Erkenntnis suchten oder die die Wüste aufsuchten, weil sie sich Inspiration erhofften St.Exupery hat die Wüste zweifelsohne zum Schreiben inspiriert und er hat sie mit überbordender Poesie befrachtet. Die Wüste hat mich gelehrt in Bewegung zu bleiben, Veränderung nicht als Problem, sondern als Chance zu betrachten, mit Ressourcen sorgsam umzugehen. Daß Wasser nicht aus der Leitung kommt, ist eine Binsenweisheit, die jeder kennt, aber erst in der Wüste wurde mir die wahre Bedeutung von Wasser bewußt. Es ist nicht nur unsere Lebensgrundlage, sondern „es ist das Leben“, wie St.Exupery treffend formulierte. In der Wüste gibt es eine Qualität der Stille wie nirgendwo sonst und dort lernte ich auf meine andere Wissensquelle zu hören, auf die Intuition, die innere Stimme zu hören und, was noch wichtiger ihr zu vertrauen, denn ich stand dort mehrfach vor Situationen – in der es um Leben oder Tod ging, und das Verstandeswissen versagte. Dies ist für mich eine der wertvollsten Erkenntnisse, daß wir nämlich außer unserem logisch-rationalen und von Kindesbeinen an trainierten Verstandeswissen noch über eine andere Wissensquelle verfügen, die man emotionales Wissen oder wie auch immer nennen mag, die aber durch die einseitige Überbetonung und Schulung des Intellekts verkümmert ist wie ein nutzlos gewordenens Organ. Natürlich brauchen wir den Verstand jeden Tag, aber ich behaupte, daß in manchen Situationen und bei wichtigen Entscheidungen die emotionale Wissensquelle die wahrhaftigere und damit der bessere Ratgeber ist. Ich habe diese Wissensquelle für mich mit Hilfe der Wüste wieder erschließen.

Was brachte Ihnen die Begegnung mir der asiatischen Religion, die ja eher eine Erlebnisphilosophie ist?

Durch die Begegnung mit asiatischen spirituellen Traditionen habe ich mehr über die Natur des Geistes erfahren können. Während der Westen sich viel stärker auf die Erforschung der äußeren Welt konzentriert hat und infolgedessen technologisch überlegen ist, haben die Asiaten sich mehr mit der inneren Welt des Menschen beschäftigt, mit der Erforschung des Geistes durch die meditative Praxis. Davon konnte ich lernen.

Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“, sagt der Kleine Prinz. Haben Sie auf Ihren Reisen das Wesentliche entdeckt?

Dem stimme ich voll und ganz zu. Es gibt ja noch andere Formen der Wahrnehmung. Mein Ziel ist es vom Schauen mit den Augen zum Sehen zu gelangen. Sehen im Sinne von Verstehen und Wissen in Weisheit zu verwandeln, darauf kommt es mir an. „Wenn ihr es nicht erspürt, ihr werdet es nicht erjagen“ lautet ein Zitat aus unserer klassischen Literatur. Das Wesentliche sind für mich Träume und Visionen zu leben, denn sie bringen Begeisterung und Freude als Triebfedern hervor und diese Motivation ist es, die einem befähigt „Berge zu versetzen“ und nicht der bloße Wille.

Bei Ihren Expeditionen müssen Sie beständig innere und äußere Grenzen überwinden. Wie ist nach so vielen Grenzerfahrungen Ihr Verhältnis zu dem, was für manchen Menschen ein Hindernis darstellt?

Ich schaue mir die vermeintlichen Hindernisse, die sich mir in den Weg stellen, genau an und entscheide dann intuitiv, ob ich versuche das Hindernis durch Anstrengung zu überwinden oder den eingeschlagenen Weg aufzugeben und dafür einen anderen zu suchen, der zum Ziel führt. Lebenskunst bedeutet für mich, das richtige zum richtigen Zeitpunkt zu tun. Das klingt sehr simpel, ist aber sehr schwierig, denn es gilt ein Gespür zu entwickeln, Widerstände richtig zu verstehen und darauf zu reagieren. Sie können bedeuten, daß es besser ist loszulassen als den Versuch zu unternehmen, einen Widerstand auszuräumen. Loslassen, bedeutet Raum geben, worin sich etwas anderes oder neues manifestieren kann.

Was geschieht mit Ihrem Geist, während Sie „auf Wanderschaft“ sind? Lässt er Sie in Ruhe, meldet er sich ständig bei Ihnen, um Ihnen gute Ratschläge zu erteilen, oder führt er Sie dorthin, wohin Sie wollen?

Beim Gehen durchlaufe ich immer verschiedene Phasen und der Geist ist am Anfang ein Hindernis, denn er eilt voraus, will schon weiter sein als man ist. Wenn ich auf einen Berg steige und alle paar Minuten nach oben blicke und mir wünsche schon dort zu sein, wohin sich meine Augen richte, dann werde ich leiden. Ich bin dann nie in Harmonie mit der Zeit und wenn ich am Gipfel bin möchte ich schon wieder unten sein. Geistesgegenwärtig ist der Schlüssel, läßt die Gedanken von der Kette los, während die Füße laufen. Erst wenn ich ganz in der Gegenwart bin, wird alles leicht, und man geht in einem Rhythmus wie in einer Art Trance und es werden sich geistige Erfahrungen einstellen. Die Gegenwart ist es, die die Zukunft begründet.

Gibt es eine Grunderkenntnis, die Sie aus all Ihren Reisen ziehen können?

Leben bedeutet für mich Lernen, Erfahrungen sammeln und in Bewegung bleiben, statt damit beschäftigt zu sein das einmal Angesammelte aufzuzehren. Deshalb investiere ich in ständig neue Erfahrungen, dem einzigen das uns gehört und das wir mitnehmen können.

Was könnte der Mensch generell lernen, wenn er sich selbst verlässt, um das „Abenteuer Ferne“ zu wagen?

Er lernt vor allem einen Teil seiner Möglichkeiten zu leben, deren er sich vielleicht nicht einmal bewußt ist. Ich bin einmal mit einer Gruppe von Top-Managern in die Wüste gegangen und dabei ging es neben der Team-Erfahrung (wie muß ein Team aufgestellt sein, und welche Stationen durchläuft ein Team, um ein Top-Team zu werden) um Qualitäten, die einen Top-Manager heute auszeichnen. Es sind dieselben, die ich in der Wüste brauche um durchzukommen, um Durststrecken zu überwinden. Beispielsweise schwache Signale zu erkennen. Ein Top-Manager muß schwache Marktsignale erkennen können, um daraus die richtige Strategie für sein Unternehmen zu entwickeln. Ich muß in der wüste schwache Signale erkennen, um Wasser zu finden. Da steht nirgendwo geschrieben wo es langgeht. Die Schnelligkeit der Reaktion, die Kreativität des Vorgehens, die Kraft der Durchsetzung, das alles sind Qualitäten, die man da wie dort benötigt. In der Wüste, in der modernen Wirtschaft, im normalen Leben.

Wo liegt die nächste Herausforderung für Bruno Baumann?

Ich beschäftige mich zur Zeit mit einer faszinierenden menschlichen Vision, mit Shangri-La, der Vorstellung von einem verlorenen Paradies, das im Westen in den dreißiger Jahren durch einen Roman popularisiert wurde. Meine Frage lautet: Ist Shangri-La reine Fiktion oder gibt es irgendwo auf der Welt einen Ort wo diese Vorstellung entstanden ist. Ich glaube nun den Ort gefunden zu haben wo Menschen unter einem anderen Namen und vor mehr als 2000 Jahrtausende diese Vision entwickelt und ausgeschmückt haben.

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