Interview mit Bruno Baumann

 


Globetrotter, das Reise-Magazin (Schweiz)

In Deinen Büchern oder Vortrags- und Filmankündigungen steht jeweils geschrieben: Bruno Baumann ist Ethnologe, Abenteurer, Fotograf, Wüstenspezialist und Tibet-Kenner. Das sind „Berufsbezeichungen“. Was für ein Mensch bist Du?
Diese Bezeichungen sind der etwas hilflose Versuch, das was ich bin in Schubladen einzuordnen. Aber was ich tue ist vielschichtig. Ich bezeichne mich als einen Menschen, der aufgebrochen ist, um über den Weg des Reisens, über den Dialog mit anderen Kulturen und über extreme Naturerfahrungen Selbstfindung zu betreiben.

Was trieb Dich am Anfang an?
Ich komme aus einer sehr begrenzten Welt. Deshalb wollte ich über den Tellerrand hinausblicken. Ich wuchs in einem kleinen Dorf bei Graz auf, in einer Familienstruktur, die ich als kleinbürgerlich empfand, und aus der ich ausbrechen wollte. Das war sowohl Opposition als auch eine Reaktion auf die Enge. Ich hatte keine Reisepartner und musste alleine losziehen. Glücklicherweise, denn das Alleinreisen mit wenig Geld zwang mich, mich in der Fremde zu arrangieren. Man muss aus seiner eigenen Kultur heraustreten. Man ist keine reisende Biertischrunde, die wie ein Fremdkörper durch die Lande zieht, sondern lässt sich auf die lokale Kultur ein. Ich begriff, dass das Reisen mehr ist als blosse Ortsveränderung, Urlaub oder Zeitvertreib. Reisen ist mein Weg die Welt zu erkennen und Erfahrungen zu machen, die weit über das hinausgehen, was man durch Bücher erfahren könnte. Ich spürte, dass sich mir auf Reisen Erfahrungswelten erschliessen, zu denen ich keinen anderen Schlüssel besitze. Aber ich wollte nicht neben der Arbeit oder dem Studium reisen, sondern reisend eine Einheit aus Leben und Arbeit schaffen.

Wie verlief Dein Werdegang, der zur Verschmelzung von Arbeit und Leben im Reisen führte?
Eigentlich hatte ich eine schlechte Ausgangslage, das zu erreichen, von dem ich heute lebe, nämlich meiner Ausdrucksform. Und meinem Qualitätsanspruch. Er gilt sowohl fürs gesprochene als auch fürs geschriebene Wort sowie für Foto und Film. Ich bin Autodidakt und habe nie Foto - oder Drehbuchkurse besucht. In der Schule war meine Deutschnote gerade genügend. Wenn ich vor der Klasse sprechen musste, war mein Hals zu, kein Wort kam heraus. Das war eine der grössten Herausforderungen. Doch je mehr Erfahrungen ich machte, desto mehr wuchsen meine Möglichkeiten des Ausdrucks.
Ich bin Gutenberg, dem Erfinder der Drucktechnik, sehr dankbar, denn schon als Kind konnte ich durch Bücher von Menschen erfahren, die nicht meine Zeitgenossen sind. Ich bringe Büchern grösste Hochachtung entgegen, obschon die Bücherflut heute inflationär ist. Wegen des vielen Papiers sind Bücher letzlich auch nicht sehr umweltfreundlich. Deshalb schreibe ich nur dann eine Buch, wenn ich etwas neues einbringen kann - das ist natürlich eine subjektive Einschätzung. Es ist mein Lebensziel, dass ich vom Leben schreiben und vom Schreiben leben will. Das ist noch nicht ganz gelungen, ich musste mir also weitere Standbeine schaffen: Vorträge. Und Filme, als letzter Schritt. Denn eigentlich bin ich ein Einzelgänger, Filmemachen hingegen ist Teamarbeit. Ein Film kann jedoch viele Menschen erreichen und Botschaften vermitteln. Mit den unterschiedlichen Medien erweitere ich das Spektrum meiner Ausdrucksmittel und schliesslich, das ist ein weiteres Ziel, gelange ich vom Schauen zum Sehen. Es ist ein lebenslanger Prozess. Ich würde mich aber nie als Fotografen bezeichnen. Ich fotografiere nur, um zu illustrieren, was ich sagen will.

Die mediale Aufbereitung Deiner Welt hast Du autodidaktisch erlernt, studiert hast Du Ethnologie. Weshalb?
Es ist zwar eine brotlose Kunst, aber ich wollte nur studieren, was mich interessiert. Die Völkerkunde schien mir irgendwie in der Nähe des Reisens zu sein. Ich fokussierte auf Stammeskulturen und machte in den späten siebziger bis Mitte der achtziger Jahre erste Reisen, vor allem in der Region Papa-Guinea. Ich suchte dort, was wir alle irgendwie als Idee in uns tragen, nämlich die Vorstellung, dass es Völker gibt, die ihre Aggressionen nicht in mörderischen Kriegen abbauen, sondern in Harmonie mit der Natur leben.

Eine Paradiesvorstellung?
Dort wurde ich meiner naiven Illusionen beraubt. Die Leute wollten gar nicht hören, dass es ihnen besser geht als uns. Sie wollten, dass es ihnen so gut geht wie mir, der ich aus einer Welt kam, die für sie erstrebenswert schien.
Die Ethnologie war frustrierend, weil sie eine Tocher des Kolonialismus war. Ethnologen gehen beispielsweise zu den Papua, vermessen sie, liefern ihre Arbeit ab, heimsen Lorbeeren ein, und kümmern sich überhaupt nicht darum, dass dort grösste Ungerechtigkeiten stattfinden. Das fand ich unmoralisch.

Du bist viel gereist und hast viel erlebt. Was hat Dich unterwegs am meisten geprägt?
Die Naturerfahrungen, das Ausgesetztsein in einer wilden Natur, wo man auf sich gestellt aus eigener Kraft wieder ins Leben zurückkehrt. Das kann man nur noch auf hohen Bergen oder in der Wüste erleben.

Du hast die Wüste Takla Makan und die Gobi in Asien durchquert und warst im afrikanischen Tibesti. Was fasziniert Dich an Wüsten?
Die Wüste hat mich vom ersten Schritt an enorm berührt. Ich hatte zuvor andere Landschaften ausprobiert: Hohe Berge und den Urwald, also die Fülle. Dann kam ich in die Leerzone Wüste. Ich trug Sehnsuchstbilder aus der Literaur in mir, hatte Sven Hedin gelesen: Die Geschichte eines Mannes, der mit einer Karawane in die Wüste geht und Schiffbruch erleidet.
Das allererste Schlüsserlebnis war die Takla Makan 1989: diese ungaubliche Reduktion, diese Stille! Das war neu für mich. Es zwingt zur Reflektion, zum Weg nach innen. Das schneidet tief in die Seele. Propheten gingen in die Wüste, Religionen sind daraus entstanden. Die Wüste ist eine starke Landschaft, die zudem etwas widerspiegelt, das ich zu leben versuche: Dynamik. Die Wüste zwingt dem Menschen das dynamische Grundprinzip des Lebens auf. In der Wüste bedeutet Stillstand den Tod. Der Mensch kann nur in der Bewegung überleben. Und er muss lernen, seinen Ressourcen zu vertrauen. Man entdeckt, dass man über weit mehr Kräfte verfügt, als sich in einer behüteten Umgebung entwickeln können. Das ist sind Erfahrungen, die mir niemand wegnehmen kann. Es ist das einzige, das überhaupt Bestand hat.

Du hast Sven Hedins Reise durch die Takla Makan wiederholt, weil Du Zweifel daran hattest, dass seine gescheiterte Reise so verlaufen war, wie er sie darstellte. Zwei Menschen und mehrere Kamele kamen damals ums Leben, schrieb Hedin. Auf Deiner Reise warts Du mit den nahezu gleichen Schwierigkeiten konfrontiert wie er. Was war geschehen?
Ich dachte, dass diese historische Spurensuche rein rechnerisch eine gefahrlose Sache sei. Ich hatte mehr Wüstenerfahrungen als Hedin, der ohne GPS und genaue Karte reiste. Ich versuchte aber ähnliche Voraussetzungen für die Reise zu schaffen, denn man kann eine Reise von 1895 nur bedingt mit einer von 2000 vergleichen. Deshalb reiste ich wie er im Frühling zur ungünstigsten sturmgefährdeten Zeit. Ich wollte erfühlen können, was damals abgelaufen ist, denn ich konnte mir nicht vorstellen, wie es für Hedin zum Drama kommen konnte. Ich startete also mit etwa der gleichen Anzahl Partnern und Kamelen. Schliesslich musste ich erfahren, dass dieser Teil der Takla Makan zu dieser Jahreszeit unüberwindlich ist - auch heute noch.
Unser geografisches Wissen hat sich zwar in hundert Jahren gemehrt, aber die Umwelt hat sich verändert. Wo Hedin in Seen badete, herrscht jetzt Trockenheit. Das ist eine Folge menschlicher Eingriffe: Flüsse, die in die Wüste fliessen, werden heute bereits am Wüstenrand ausgeschöpft.
Aber meine Hauptfrage lautete: Hatte Hedin ein schlechtes Wassermanagement? Hatte er die Tragekapazität der Karawane mit unnützem Material statt mit Wasser genutzt? Oder war ein böser Einheimischer, ein „Wasserdieb“ schuldig? Das bezweifelte ich. Fragwürdig ist auch Hedins eigene Heldenstory, die scheinbar einzigartige Solo-Leistung. Es ist kein Wunder, dass Hedin am Ende, als die Karawane zusammenbrach, als einziger noch bei Kräften war, denn da war eine Zweiklassen-Gesellschaft unterwegs: Er ritt, seine Bediensteten marschierten. Er nahm sich mehr Wasser als die anderen, er war der Herr!
Wir verloren zwar auf unserer Reise auch fast alles, auch mehrere Kamele, erbrachten aber den Nachweis, dass vieles an Hedins Geschichte schlicht falsch ist.

Als Du zu Fuss durch die Wüste Gobi gingst, bist Du beinahe verdurstet, aber Du allein unterwegs gewesen. Bei der mit viel Glück überlebten Sven-Hedin-Wiederholungsreise, hattest Du die Verantwortung für Begleiter und Kamele. Darf man andere Menschen solchen Risiken aussetzen, wo liegt die Grenze?
Die Grenze wäre erreicht gewesen, wenn ich sehenden Auges losgezogen wäre. Ich muss in der Tat gestehen, dass ich auf dieser historischen Spurensuche hundertprozentig davon überzeugt war, dass wir nicht in Gefahr geraten würden. Deshalb hatte ich auch einen 60-jährigen Partner ohne Wüstenerfahrung dabei.

Du hast es also unterschätzt?
Ich habe es vielleicht deshalb unterschätzt, weil es ein himmelweiter Unterschied ist, ob man heute in die Takla Makan geht oder auf den Mt. Everest steigt. Der Everest ist vollständig beschrieben, jeder Punkt ist fotografiert. In der Wüste betrat ich Neuland. Es gibt ausser dem Bericht von Hedin kaum Beschreibungen, die mir genutzt hätten. Es gab keine Abhandlung darüber, wie lange ein Kamel unter bestimmten Bedingungen gehen kann. Da verliess ich mich auf das Wissen der Kameltreiber. Ich sagte ihnen, dass wir 185 Kilometer ohne Wasserstelle vor uns haben. Ich will die Verantwortung nicht auf die Kameltreiber abschieben, aber sie waren davon überzeugt, es zu schaffen. Denn es waren ja ihre Kamele, ihre Existenzgrundlage. Als sich die Schwierigkeiten abzeichneten, hatten wir den Umkehrpunkt, den „point of no return“, bereits weit überschritten. Ohne Wasser gibt es nur noch die Flucht nach vorne, um jeden Preis. Der Verlust der Kamele - Menschen kamen ja nicht zu Schaden - war für mich das schlimmste Erlebnis. Es war ein Alptraum, der mich noch heute verfolgt. Ich hätte sozialdarwinistisch reagieren können, mir also sagen: Ich bin der Stärkste, der Erfahrenste, ich laufe alleine zur rettenden Wasserstelle. Aber dann hätte ich alles verloren. Wir überlebten als Team. Wir wuchsen mit den uigurischen Begleitern zusammen. Das war eine schöne Erfahrung und zugleich war die Reise eine Grenzerfahrung.

Ist es nicht fahrlässig im Frühling die Sven-Hedin-Route zu wiederholen, wenn man weiss, dass nach dem Winter den Kamelen die Höcker herunterhängen, weil ihre Fettreserven verbraucht sind und sie wenig Kraft und Ausdauer haben? Hat nicht die angestrebte Ähnlichkeit der Reiseinszenierung zur Hedin-Expedition den Grundstein zum Drama gelegt?
Da war ich ganz auf die Einheimischen fixiert, die ihre Tiere kennen. Der fundamentale Unterschied zu Hedin war, dass wir Futter und Wasser für die Tiere mitnahmen. Er tat dies nicht. Er hatte keine Tropfen Wasser für die Kamele dabei.
Mir wurde erst hinterher klar, dass die Kamele im Frühling schwächer sind. Zu diesem Zeitpunkt war ich noch nie in der Wüste gewesen. Aber ich musste es im Frühling tun, um mich Hedins Situation anzunähern.

Also stand der wissenschaftlich-puristische Ansatz im Vordergrund?
Es wäre sonst sinnlos gewesen. Ich hätte quasi eine Sommer-Bergbesteigung mit einer im Winter verglichen, und hätte nie herausgefunden, was wirklich geschehen war. Wir haben eigentlich ungewollt bewiesen, dass Hedin keine Chance hatte.

Wechseln wir zu einem anderen wichtigen Thema in Deinem Leben: Tibet. Du giltst als Tibet-Kenner. Vor dem Kenner sein, ist Kennenlernen notwendig, das wiederum setzt, wie ich meine, Neugierde und im günstigsten Fall auch Zuneigung zum Objekt der Neugierde voraus. Weshalb Tibet, wie kam es dazu?
Es war ein Schlüsselerlebnis: 1985 reiste ich als Rucksacktourist nach China, das sich gerade öffnete. Ich wollte ein Gefühl für das Land und seine Kultur kriegen. Während der Schulzeit in den sechziger Jahren gab es bei uns Leute, die von Mao schwärmten. Aber es ist etwas anderes in Europa Maos Sprüche zu klopfen, als sich in China zu exponieren. Ich wollte die Wirklichkeit sehen.
In China galt damals ein Westler als kulturloser Barbar, als langnasiger Analphabet, das perfekte Feindbild der gesichtlosen Menschenmassen. Ich verspürte eine unheimliche menschliche Kälte. Das war ein Schock. Ich wollte irgendwohin, wo ich atmen konnte, wo ich nicht ständig um die einfachsten Dinge kämpfen musste, etwa um ein Zugticket oder ein Bett. Ich wollte lächelnde Menschen sehen. Ich flüchtete nach Osttibet. Da sah ich selbstbewusste Frauen, Menschen die aufeinanderzugehen, und ich wurde in Familienhäuser eingeladen. Es war Liebe auf den ersten Blick. Ich erlebte menschliche Wärme. Danach wollte ich mehr von Tibet sehen, ich hatte es ja erst gestreift. Mehrere Reisen folgten. 1987 war ich am Kailash. Danach begann ich mich systematisch mit Tibet zu beschäftigen. 1989 war ich am Tiananmen-Square und erlebte wie die Chinesen zum ersten Mal ihre Masken fallen liessen: Sie umarmten sich und schlossen auch Ausländer in die freudige Aufbruchstimmung ein. Kurz danach kam die blutige Niederschlagung.

Menschen im Westen haben manchmal eine schwärmerische Vorstellung von Tibet. Man spricht auch vom „Mythos Tibet“, der durch Berichte von Alexandra David-Neel, Sven Hedin und anderen entstand. Es gab unter den Nazis sogar ein Sven-Hedin-Reichsinstitut für Innerasien, ein Propagandawerkzeug, das zur Mystifizierung Tibets beitrug. Was stimmt am „Mythos Tibet“, und was nicht?
Die Landschaften Tibets haben eine eigene Qualität. Man ist dem Himmel näher. Man fühlt, dass ein Berg mehr ist als nur die platte Realität. Patagonien, das ein ähnliches Licht in einer teilweise vergleichbaren Landschaft hat, unterscheidet sich aber sehr von Tibet: Die tibetische Landschaft ist durch und durch beseelt. Auf der windigsten Passhöhe wehen Gebetsfahnen und es gibt Mani-Steine. Es ist eine von menschlicher Religiosität durchdrungene Welt. Das ist eine ganz andere Energie, als ich es in Patagonien erlebte.
Zudem haben die Tibeter einen Dalai Lama, was andere Völker nicht haben. Der „Mythos Tibet“ nährte sich auch durch den Nimbus des Verbotenen. Eine ganze Forschergeneration hat sich danach verzehrt, nach Lhasa zu reisen. Die Nazis betrieben eine skurrile Ahnenforschung, dann kamen die Theosophen, das „Shangri-La“ wurde zweckentfremdet. Und schliesslich glaubten wir fälschlicherweise, dass jeder Tibeter ein Monopol der Erleuchtung besitzt. Es sind dort nicht alles Gutmenschen und Erleuchtete. Es sind Menschen wie wir. Wir haben unsere Ideale auf die Tibeter projiziert. Dagegen wehren sie sich.

Im Diavortrag „Pilgerwege zum Kailash“ zeigst Du, dass der Berg für vier Religionen heilig ist: Für Hindus ist er der mystische Berg Meru und der Thron Shivas. Der Jainismus sagt, dass hier ihr erster Heiliger erschien. Anhänger der vorbuddhistischen Bön-Religion glauben, ihr Gründer sei hier vom Himmel herabgestiegen. Und für viele Buddhisten ist das Schneejuwel der Sitz Samvaras, einer tantrischen Transformation Shivas. Das alles soll der Kailash sein. Sind andere Berge „gottlos“?
Nein, sicher nicht. Aber der Kailash hat eine einzigartige geo-historische Position. Er steht an der Nabe von zwei der ältesten Kulturen der Welt und vier der grössten Flüsse Asiens entspringen in seinem Umfeld. Millionen von Asiaten hängen von diesem Wasser ab. Ich bin überzeugt, dass diese geologische Fakten - der Berg als Lebensspender - ihn in den Brennpunkt der religiösen Verehrung gerückt haben.

Haben die Menschen in Asien den Kailash in ähnlicher Weise mystifiziert, wie wir es mit Tibet machten?
Ja, ganz klar.

Dein Kailash-Diavortrag kann Zuschauer zu einem Tibetbesuch animieren. Was gibst Du potentiellen Tibet-Besuchern als Empfehlung auf den Weg?
Grundsätzlich finde ich den Tourismus in Tibet nicht verwerflich. Die Tibeter sehen in den Touristen eine moralische Unterstützung. Aber die Besucher sollten nicht zu naiv sein, das heisst, sie sollten sich vor der Reise gut informieren und ihre Sinne schärfen. Damit sie nicht nur Vordergründiges sehen, sondern auch erkennen, wie die Repression wirkt: Es ist eine Apartheid, ein Neokolonialismus.
Klar, es gibt Internet-Cafés, Shoppingcenters, etcetera. Ich kritisiere nicht die Modernisierung an sich - die Tibeter wollen sie ja auch - aber man muss sehen, dass der Zugang der Tibeter dazu stark eingeschränkt ist. Es geht in der Tibetfrage unverändert um elementare Menschenrechte und Autonomie. Es geht nicht darum, das alte Tibet wiederauferstehen zu lassen. Das ist sinnlos. Es geht ums Hier und Jetzt.

Zum Thema Tibet hast Du anderswo gesagt, dass Unrecht nicht zu Gewohnheitsrecht werden darf. Diese Aussage wird im Westen verstanden und begrüsst. Chinas Machthaber und Teile des Volkes sehen das ganz anders. Mit Deinem Statement hast Du die üblicherweise vornehme Distanz eines beobachtenden und beschreibenden Ethnologen aufgegeben und Partei ergriffen. Weshalb?
Weil ich mich moralisch verpflichtet fühle, Partei zu ergreifen. Weil ich vor Ort klares Unrecht mit eigenen Augen gesehen habe und es nicht ignorieren kann. Auch wenn es mir persönlich schaden sollte, weil ich vielleicht dieses oder jenes in Tibet nicht mehr machen könnte, muss ich das, was ich in subjektiver Wahrnehmung als wahr erkannt habe, benennen. Das ist meine Rückgabe an die Tibeter, das bin ich ihnen schuldig.

Der berühmte Satz „Liebe deine Feinde“ verlangt sehr viel, es ist ein fast übermenschlicher Anspruch, dessen Verwirklichung selten gelingt. Die Geschichte der Menschheit ist voller Beispiele des Misslingens. In einer vom ökonomischen Denken und Handeln durchdrungenen Welt könnte der Satz geändert werden, wie es das „Konsumistische Manifest“ tut. Die neue Version: „Tausche mit deinen Feinden.“ Hilft dieser Ansatz in der China-Tibet-Frage?
Westliche Industrieländer drücken in Bezug auf China beide Augen zu und begründen es mit dem Satz: Lasst uns mit den Chinesen Geschäfte machen, dann wird sich viel verändern. Das ist scheinheilig, denn es wird mit zwei Ellen gemessen. Beispielsweise wird es in Burma anders gehandhabt.
Ich bin jetzt seit vielen Jahren in engem, tiefen Konakt mit Chinesen und traue mir zu, etwas über die chinesische Seele, darüber was sich in den Köpfen und Herzen tut, sagen zu können. Im Moment ist eine Tendenz spürbar, dass die Chinesen auf der Suche nach geistiger Nahrung und Orientierung sind. Und diese Suche und Hinwendung, auch zu religiösen Inhalten, wird früher oder später eine Veränderung erzwingen. Das ist auch eine Folge der Öffnung Chinas, ein Ergebnis des Dialogs, den die Chinesen heute führen können, auch dank dem Massenkommunikationsmittel Internet. In Shanghai und Lhasa kann man nicht nur Börsenkurse abrufen, sondern auch die Free-Tibet-Seite. Das ist zwar etwas gefährlich, aber es ist möglich. China kann das Internet nicht blockieren. Das würde Chinas Wirtschaft zurückwerfen. Der Informationsaustausch hat eine Rad in Bewegung gesetzt, das nicht mehr angehalten oder zurückgedreht werden kann. Auch die Einbindung Chinas in globalisierte, internationale Organisationen, etwa die WTO, hat dem Land nicht nur neue Geschäftsfelder beschert, sondern auch Abhängigkeiten und Pflichten geschaffen. China kann nicht mehr schalten und walten wie es will.

Zurück nach Europa: Kürzlich fand in Graz das Kalachakra-Ritual statt, das vom Dalai Lama geleitet wurde. 8000 Menschen waren dabei. Du auch. Was war Deine Funktion.
Ich war dabei, weil ich bisher nie an diesem Einweihungsritual, das zum komplexen buddhistischen Lehrsystem gehört, teilgenommen hatte. Es ist faszinierend, dass auch ein Nicht-Buddhist als Zaungast dabei sein kann. Zudem bot sich die Glegenheit dem Dalai Lama zu begegnen, den ich als wichtige moralische Instanz auf diesem Planeten sehe, gerade in Zeiten wie diesen, wo Säbelrasseln Konjunktur hat. Es haben sich Krisenherde gebildet wo Auge um Auge, Zahn um Zahn, an der Gewaltspirale gedreht wird. Der Dalai Lama predigt Gewaltlosigkeit und hat immer wieder den Dialog mit den Chinesen angestrebt. Er hat immer gesagt und vorgelebt, dass der Friede nie durch Gewalt erlangt werden kann.
In Graz zeigte ich zum ersten Mal den Kailash-Vortrag vor einem riesigen Publikum. Es gab auch eine Fotoausstellung, für die ich im Auftrag des Dalai Lama fotografiert hatte. Die Ausstellung war das Ergebnis einer Indien-Reise, auf der ich letztes Jahr während eines Monats den Dalai Lama begleitete. Vortrag und Ausstellung waren mein Beitrag und Geschenk zum Kalachakra-Friedens-Festival.

Demnächst wirst Du die Kailash-Pilgerreise eines tibetischen Mädchens und dessen Grossmutter verfilmen - mit einem Budget von 10 Millionen Franken. Deine Filmidee realisierst Du in Zusammenarbeit mit Eric Valli, der mit seinem Film „Himalaya - die Kindheit eines Karawanenführers“ bekannt wurde. Weshalb haben Dir die chinesischen Behörden eine Drehgenehmigung fürs Tibet erteilt?
Weil der Film nicht politisch ist. Wir werden die Menschenrechtssituation oder die Han-Chinesische Zusiedlungspolitik nicht explizit ansprechen. Auch nicht die Vergangenheit, wie das andere Filme taten, etwa „Kundün“ oder „Sieben Jahre im Tibet“. Wir wollen das heutige Tibet in seiner Zerrissenheit zeigen, seiner Widersprüchlichkeit, auch was die Tibeter betrifft. Der Einbruch der Moderne und der Generationenkonfikt sind heute grosse Themen. Die junge tibetische Generation, die nach 1950 geboren wurde, hat nicht mehr die gleiche Hingabe an den Volksglauben wie die Dalai Lama-Generation, die der Tradition folgt, weil sie schon immer so war. Die Jungen stellen das in Frage und suchen eigene Wege in die Zukunft. Das ist aber nicht ein ausschlisslich tibetisches Phänomen, das gibt es in allen Kulturen. Die Chinesen implantieren ja in Tibet nicht ihre eigene Kultur, sondern den globalisierten Way of Life. Das ist ein spannendes Thema. Es ist fast wie bei mir selber: Ein Mädchen, das seine angestammte Umgebung verlässt und ausbricht, weil es Eingrenzung erlebt. Die Pilgerreise der Grossmutter ist für das Mädchen nur der vorgeschobene Grund wegzukommen, denn es will gar nicht zum Kailash, sondern es wird sich in das urbane Leben von Lahsa stürzen. Es wird ein Film sein, der mit zwei Figuren das Spannungsfeld zwischen Moderne und Tradition im heutigen Tibet zeigt.

Wann wird der Film im Kino zu sehen sein?
Im Frühling 2004.

Welche Ziele oder Projekte hast Du als nächstes?
Einerseits plane ich eine Solo-Durchquerung der Wüste Gobi, andererseits werde mich aber weiterhin mit der Seidenstrasse befassen. Sie ist ein antiker Strang. Ich weiss aber, dass in dieser sich schnell verändernden Region versucht wird eine neue Seidenstrasse zu installieren: Diesmal mit Schienenstrang, Autobahn, Datenhighway und Pipelines. Es ist die Vision einer Globalisierung, wie sie die antike Seidenstrasse schon zeigte. Es waren eben nicht nur Handelsgüter, die damals ausgetauscht wurden, sondern auch Gedanken und Kunststile, die sich gegenseitig befruchteten und sogar einen eigenen Kunststil hervorbrachten. Es herrschte ein tolerantes Klima. Und gleichzeitig schlimmste Barbarei. Aber es gab trotzdem einen fruchtbaren Austausch unter den Kulturen.
Ich arbeite an einer Austellung über die Seidenstrasse. Eine Karawanserei, quasi als Akupunktur Punkt der Seidenstrasse, wird die zentrale Rolle spielen. Denn hier trafen sich die Händler nicht nur mit Waren im Gepäck, sondern auch mit unterschiedlichen Werten, Kulturvorstellungen und Religionen. Die Seidenstrasse ist für mich ein Beispiel, das zeigt, dass die Globalisierung nicht pauschal negativ ist. Es hängt davon ab, wie wir damit umgehen.

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