Gefragte Menschen

 


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Bevor er seine "Rede an die Steirer" hielt, machte der Dalai-Lama am Samstag noch einen Abstecher in die Halle 12. Denn: Seine Heiligkeit wollte persönlich die Ausstellung Bruno Baumanns eröffnen! Der gebürtige Steirer, Tibetkenner und faszinierende Gesprächspartner ist ein bekannter Schriftsteller, Fotograf und Filmemacher. Und er beeindruckt selbst den Dalai-Lama mit seiner Arbeit. Und seiner knallharten Einstellung: "Ich publiziere, was ich sehe. Ohne Kompromisse."


Sie haben offenbar einen guten Draht zum Dalai-Lama. Woher kommt dieser?

"Dieser Kontakt hat sich über viele Jahre hin entwickelt, in denen ich ohne Kompromisse das publiziert habe, was ich in Tibet gesehen habe. Durch dieses Engagement kam es zu regelmäßigen Begegnungen."

Was heißt in diesem Fall ohne Kompromisse?

"Ich lebe ja von meinen Büchern und Arbeiten, also auch davon, dass ich weiterhin nach China darf. Doch ich zeige alles auf, auch wenn es mir schaden würde. Ich lasse mich vor keinen Propaganda-Karren spannen. Von keiner Seite. .."

Was haben Sie gesehen?

"Beispiel: Für tibetische Buddhisten ist Leben ja heilig, Töten schafft negatives Karma. Und da zwingen chinesische Behörden tibetische Frauen, abtreiben zulassen. Auf brutale Art. Das hab' ich selbst erlebt."

Welche Eindrücke können Sie noch schildern?

"Die Chinesen zwingen den Tibetern ihre Kultur mit dem Vorschlaghammer auf, degradieren sie im eigenen Land zu Menschen zweiter Klasse. Es werden Schulen angeboten - mit chinesischen Lehrern. Sie nehmen den Tibetern mit der Abholzung der Wälder die Grundlage für ihre Heilkräuter, bauen Spitäler, die aber nur Chinesen behandeln. Ein Dalai-Lama Bild zu besitzen wird hart bestraft. Tibeter werden ohne Verhandlung eingesperrt, die Menschenrechte mit Füßen getreten."

Seit Jahrzehnten herrschen die Chinesen. Bemerken Sie Veränderungen?

"China verändert sich! Ein hoffnungsvoller Aspekt ist, dass die Masse geistige Orientierung sucht und viele zum Buddhismus tendieren. Das ist eine Chance für Tibet!"

Was halten Sie von der offiziellen Annäherung?

"Man wird erst sehen, wie ernst das ist. Die Chinesen haben sich bisher trotz der Versprechen dem Dialog immer entzogen."

Wir kennen Tibet aus Filmen als friedliches "altes" Bergvolk - haben wir einen "verklärten" Blick?

"So gibt's das heute nicht mehr! Junge Tibeter folgen dem chinesischen Lebensstil, es gibt Cola, Internet. Touristen schockiert es, die Plattenbetonsiedlungen vorzufinden. Die Altstadthäuser wurden von den Chinesen nieder gerissen, da gibt's eine richtige Baumafia. Die Frage ist nur, wie es unter tibetischer Führung aussehen würde? Wie die Halle 12 - ein riesiger Markt? Auf jeden Fall wären sie mit ihrem kulturellen Erbe sorgfältiger umgegangen."

Woher kommt Ihr Interesse an Tibet eigentlich?

"Es war Liebe auf den ersten Blick. Ich hab' viel von der Welt gesehen, aber die Menschen dort haben mich berührt. Sie haben trotz allem nie ihre Lebensfreude verloren, tragen nicht wie wir eine Maske, sondern totale Offenheit im Gesicht."

Und der Dalai-Lama?

"Er hat eine Qualität, die man bei Politikern nicht findet: Er ist autenthisch. Er lügt nicht, gaukelt nicht, schielt nicht auf Lobbies. Er sagt, was er für die Wahrheit hält. Und er ist die wichtigste moralische Instanz auf diesem Planeten."

Wo sieht man Ihre Arbeit?

"In der Halle 12 zeige ich einen Querschnitt des gelebten tibetischen Buddhismus, etwa einen Tag im Leben eines Mönchs. Ich arbeite an einem Kinofilm, der die Pilgerreise einer Tibeterin mit Enkelin zeigt, der in Tibet gedreht wird! Und am Dienstag um 20 Uhr gibt's im Grazer Kammersaal meinen Vortrag,Tibet'."

von Christa Blümel

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