Interview mit Bruno Baumann

 

LEICA WORLD NEWS: Bruno Baumann, Sie zählen zu den profiliertesten Leica Visionären. Wie wird man Vortragsreisender?

BRUNO BAUMANN: Vorauszuschicken wäre, dass ich in einem kleinen Dorf in Österreich aufgewachsen bin. Früh habe ich die Enge und Begrenzung gespürt und deshalb schon bald angefangen, Reisen zu unternehmen. Es waren unbeschwerte Reisen ohne festes Ziel. Diese Form des Unterwegsseins hat mir zwei wichtige Horizonte eröffnet. Das eine war der Dialog mit anderen Kulturen. Das andere war die Naturerfahrung. Ich habe früh damit begonnen, die Natur als Lernort zu begreifen und zu erschließen.

L.W.N.: Und die ersten Vorträge?

B.B.: Erste Vorträge habe ich gehalten, da war ich noch Gymnasiast. Ich habe dann studiert, Völkerkunde und Geschichte. Während des Studiums hatte ich Zeit zu reisen. Andererseits knappe finanzielle Mittel. Folglich habe ich erneut angefangen, über meine Erlebnisse zu berichten.

L.W.N.: Wo?
B.B.: Zunächst einmal in Schulen. Das war die schwerste und härteste Zeit. Denn Kinder geben ein Feedback, wie es direkter und härter nicht sein kann. Hier lernt man, das Erlebte so mitzuteilen, dass der Zuhörer gefühlsmäßig dabei ist.

L.W.N.: Sie werfen also nicht einfach Dias an die Wand, Sie bringen sich als Erzähler unmittelbar ein?

B.B.: Ich habe immer großen Wert auf Rhetorik gelegt. Auf Sprache, aber auch auf Substanz. Anders gesagt: Ich nehme nicht meine schönsten Bilder und beschreibe die. Sondern ich entwerfe eine Geschichte und suche mir dazu das bestmögliche Bildmaterial.

L.W.N.: Das heißt, Sie begreifen den Diavortrag als Medium mit eigenen Gesetzen?

B.B.: Unbedingt. Das Fernsehen kann vieles bieten, auch das Kino. Aber das Großbild, das stehende Bild auf einer Leinwand, live kommentiert, mit Musik unterlegt, mit O-Tönen, Geräuschen – das ist durch nichts zu ersetzen.

L.W.N.: Ihre ersten Vorträge kreisten um welches Thema?

B.B.: Das erste, was mich interessiert hat, war der Regenwald. Dabei habe ich versucht, einen Reisestil umzusetzen, den ich bis heute beibehalten habe. Das heißt, ich versuche, ein Gebiet so oft zu bereisen, bis ich glaube, nicht nur Augenblickssausschnitte darzustellen, sondern wirklich Entwicklungen aufzuzeigen.

L.W.N.: Inwiefern sind kritische Aspekte, etwa der Raubbau am Regenwald, Teil Ihrer Vorträge?

B.B.: Ich bin da von Anfang an einen Weg gegangen, der das nicht ausgeblendet hat. Aber man muss es dosiert bringen. Wenn ich heute einen Diavortrag über Tibet halte und nur die Menschenrechtssituation darstelle, dann schalten die Leute ab.

L.W.N.: Tibet ist heute Ihr zentrales Thema?

B.B.: Ja. Tibet war eine Liebe auf den ersten Blick. Zum ersten Mal bin ich 1985 nach Tibet gekommen, als China sich öffnete und es möglich wurde, dort zu reisen. Mittlerweile gibt es über kein Land so viele Bücher wie über Tibet.

L.W.N.: Was genau fasziniert Sie an Tibet?

B.B.: Das menschliche Klima. In China ist es schwierig, mit den Menschen warm zu werden. Die Tibetaner gehen auf einen zu. Und dann eben die Landschaften. Die Farben. Der Himalaya ist eine beseelte Landschaft.

L.W.N.: ›Pilgerwege zum Kailash‹ ist der Titel Ihres jüngsten Diavortags. Was dürfen wir uns darunter vorstellen?

B.B.: Der Kailash liegt im – politisch sensiblen – Dreiländereck zwischen Indien, Tibet und Nepal. Er ist insofern ein besonderer Berg, als er ganz isoliert dasteht. Er wirkt wie ein Monolith, wie ein mehrstufi- ger Tempel. Die Frage, die anfing mich zu beschäftigen, war, warum gerade dieser Berg in den Brennpunkt der religiösen Verehrung von gleich vier Religionen gerückt ist. Die Höhe konnte es nicht sein. Es gibt viele Berge im Himalaya, die höher sind als der Kailash mit seinen 6714 Metern.Je öfter ich kam, desto mehr wurde mir klar, dass es ursprünglich die Flüsse gewesen sein mussten, die diesen Berg in den Mittelpunkt religiöser Verehrung rückten. Denn am Kailash entspringen vier der größten Flüsse Asiens: der Indus, der Brahmaputra, der Sutley und der Karnali.

L.W.N.: Nochmals zu Ihren Vorträgen, die ja wohl auch vom technischen Equipment her sehr aufwendig sind?

B.B.: Ich arbeite mit sechs Projektoren und projiziere auf eine komplett geschlossene Panoramawand mit bis zu 12 Metern Breite und vier Metern Höhe. Das ist dann ein nahtloses Panorama, welches durch Soft-Edge-Technik entsteht.

L.W.N.: Das bedeutet?

B.B.: Ich komme zurück mit normalen Kleinbilddias. Und aus einem Drittelausschnitt eines Kleinbilddias werden durch eine Vergrößerung drei Dias hergestellt, die sich überlappen an zwei Stellen und noch abmaskiert sind durch ein weiteres Dia, so dass eine weiche Kante entsteht. Das ist – zugegeben – ein Kompromiss, weil ich ja keine Originaldias mit brillanter Schärfe projizieren kann, sondern Duplikate und die noch hochvergrößert. Aber das gibt mir gestalterisch enorme Möglichkeiten.

B.B.: Ich nutzte die ganze Bandbreite der Möglichkeiten. Zugleich ist dies das Aufwändigste, auch das Teuerste, was man heute machen kann. Es ist ähnlich wie im Film: Man kommt mit dem Rohmaterial nach Hause und dann erst entsteht das Werk.

L.W.N.: Es bleibt aber immer noch klassisches Dia.

B.B.: Absolut. Auch die Farben – das muss man klipp und klar sehen – solche Nuancen, wie ich sie in den Tibelbildern habe, würden im digitalen Bereich noch nicht einmal einscannbar sein. Diese Feinheiten kann nur das Dia leisten. Hinzu kommt, dass Beamer zwar eine überlegene Lichtstärke haben, aber eine vielfach schwächere Ausleuchtung. Die Halogenbirne im Projektor ist immer noch von der Ausleuchtung her dem Beamer überlegen. In diesem Sinne bleibt das Dia unerreicht.

L.W.N.: Sie fotografieren mit LEICA R?

B.B.: Ja. Mit der LEICA R9 Und weil ich viel in der Natur bin und extreme Robstheit brauche, habe ich immer mindestens ein R 6.2 Gehäuse dabei.

L.W.N.: Die Projektionsgeräte?

B.B.: Sind die RT-m Projektoren. Da gibt es keine Alternative. Gerade für die Soft-Edges ist das Rundmagazin- System unerlässlich, weil der Bildstand ganz enorm ist. Es ist doch einiger Aufwand, den ich treiben muss, denn die Schnittstellen werden unscharf, wenn die sich nicht hundertprozentig decken. Das bedeutet, dass ich eingemessene Optiken brauche, was bei Leica möglich ist. Kurzum: Das Beste vom Besten ist mir gerade gut genug.

Mit Bruno Baumann sprach Hans-Michael Koetzle.

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