Neue Württembergische Zeitung
Charakterköpfe: Bruno Baumann

»Wer mit nichts in die Wüste geht kommt mit sich zurück oder gar nicht«

 

Seine Vita liest sich wie das Inhaltsverzeichnis eines Atlas: Reisen durch Gebirge, Schluchten, Wüsten - in Afrika, Asien, Australien, Südamerika, Europa sowieso. Forschungsreisen und Abenteuer, von einem Extrem in das nächste. Bruno Baumann lebt seine Visionen und teilt anderen Menschen seine Erfahrungen in atemberaubenden Dia-Vorträgen mit. Andrea Maier sprach mit dem wagemutigen Forscher, fesselnden Erzähler und rastlosen Nomaden über das Suchen und Finden von Antworten.

Herr Baumann wann waren Sie das letzte Mal in…

Bruno Baumann: Sie meinen in anderen Welten? Das war Ende vergangenen Jahres. Gleichsam am Ende eines Projektes, das ein Lebensprojekt war. Davon träumt man als Kind, auch wenn man weiß, das man zu spät geboren wurde, das man etwas entdeckt, etwas von dem niemand Genaues wusste. Im letztem Herbst fand die abschließende journalistische Reise dazu statt, mit einem Filmteam.

Sie sprechen von Shangri La, vom Paradies auf Erden?

B.B: Ja, vom Paradies. Eines der emotionalen Reizworte für mich. Als Junge las ich „ Lost Horizon“ von James Hilton. Das war eines der Bücher; das meine Beziehung zu Tibet entwickelt hat. Dass da irgendwo eine Welt, eine Kultur war, die ohne Kriege, ohne Gewalt auskam. Eine Welt in der alle miteinander lebten, friedlich und im Einklang. Das hat mir immer fasziniert. Dieses Buch hat mich 1985 auf meiner ersten Reise nach Tibet begleitet. Die Idee trug in mir die Vision. Natürlich war die Wirklichkeit dann eine andere. Nachdem ich nun den letzten 20 Jahre fast jedes Jahr zwei oder drei Monate in Tibet war, stieß ich erst jetzt wieder auf Shangri La. Ich wollte es nicht suchen, sondern hinterfragen. Was er reine Fantasie oder gab es wirklich ein Vorbild für den amerikanischen Autor? Die Frage war der Beginn einer unglaublichen Entdeckungsreise, die mich in die Frühgeschichte Tibets geführt hat.

Das Paradies und frühgeschichtliche Geheimnisse, Themen für ein sehr langes Interwiew. Fangen wir damit an, wie aus dem österreichischen Jungen ein derart Weltreisender geworden ist.

B.B: Es war eine Flucht. Ich stamme aus einem ganz kleinen weinseligen Dorf in Österreich. Nicht mit hohen Gipfeln, eher lieblich. Ich war vielleicht anders als die andern? Jedenfalls war da niemand, mit dem ich kommunizieren konnte, über das, was mich begeisterte. Doch, meine Großmutter. Ich wollte immer mehr. Raus aus dieser Enge. Sobald ich alt genug war, nutzte ich jede Möglichkeit zu arbeiten, um zu verreisen. Allein und weit weg. Ich merkte bald, das mir das entsprach. Ich konnte mich gut mit Fremdem arrangieren. Ich hatte den Wunsch zu lernen, nicht einfach am Strand liegen. Das Erlernte brachte ich mit und wollte darüber berichten. So entstanden erste Vorträge vor Schülern. Meine Güte, da musste ich lernen, packend zu erzählen.

Sie studierte Geschichte und Völkerkunde?

B.B: Ja, das war mein Schutzwall.(lacht). Meine Eltern sahen es nicht gerne, das der Junge seine Hirngespinste verfolgte: Im Schutz des Studiums konnte ich früh schon experimentieren. Damit, meinen „artgerechten Weg“ einzuschlagen, nämlich Arbeit und Freizeit zu einem zu machen. Naiv und kindlich war mein Wunsch, aber ich lebe nun schon geraume Zeit davon, meine Interessen auszuleben.

Wohin führten Ihre ersten größeren Reisen?

B.B: Ich hatte mit 20 das Glück, zum Geld verdienen als Skilehrer nach Australien zu können. Das war sehr weit weg. Und gleichzeitig mein Sprungbrett nach Neuguinea, damals für mich Inbegriff der terra incognita. Völlig fremd, völlig unbekannt. Die alten Helden waren da gewesen, die, von denen ich als Kind gelesen hatte. Das hat mich ungemein beflügelt. Und wenn man begeisternd ist, kann man Berge versetzen. So ging es immer weiter. Mitte der 80er öffnete sich China, Tibet war schon immer in meinem Kopf. Ich konnte dorthin und es war Liebe auf den ersten Blick. Die ersten Berührungspunkte mit den Wüsten gab es damals. Wüste, dieser lebensfeindliche Ort, an den niemand einfach so freiwillig gehen mag.

Sie gehen gerne zu Fuß durch Wüsten?

B.B: Ich möchte die Wüste als Mensch erfahren, nicht als Menschmaschine. Ich hatte mir Mitte der 80er eine kleine Karawane zusammen gestellt, wir hatten genügend Wasser, starke Kamele. Schon nach wenigen Schritten hatte ich begriffen, dass die Wüste sich von allem anderem unterscheidet, was ich kannte. Einerseits die absolute Stille. Und weiter die Reduktion auf das Wesentliche. Wasser zum Beispiel. Wer denkt hier über Wasser nach? Es kommt selbstverständlich sauber aus der Leitung. Es ist eine Binsenweisheit, das Wasser kostbar ist. Aber ich konnte erfahren, dass Wasser nicht eine Lebensgrundlage ist. Wasser ist das Leben.

Die Stille. Die Reduktion auf weniges, was macht das mit Ihnen?

B.B: Diese Leere, dieses Nichts zwingt einen nach innen zu gehen. Ich war viel allein damals, stundenlang neben der Karawane. Da konnte ich Gedankenketten schließen, Erinnerungen kamen und fügten sich ein, es waren auch Hellsichtigkeitserfahrungen. Fantastisch, diese Ruhe im Denken. Wir haben in unserem Alltag ständig so viele Reize, die unser Wahrnehmen überfluten. Im ewigen Sand muss man nach innen gehen, außen ist das Nichts. Deshalb sind vielleicht auch große Propheten in die Wüste gegangen, sind große Religionen dort entstanden.

Was ist Ihnen die Wüste?

B.B: Sie hat mich von Anfang an sehr berührt und ich habe gespürt: da bin ich zu Hause. Ich kann mit ihr verschmelzen, sie ist kein Feind, sie ist mein Element. Immer häufiger habe ich versucht, sie mit immer weniger Ausrüstung zu durchqueren. Wer mit nichts in die Wüste hinein geht, kommt mit sich selbst zurück oder gar nicht. Das war meine Vision. So entstand die Idee, ganz allein durch zu gehen. Das gab es noch nie, es gab keine Bücher, keine Erfahrungen dazu, es erschien mir das Non plus Ultra.

Das war Mitte der Neunziger und ist gescheitert.

B.B: Wer Neues versucht, kann es ohne Fehler nicht erreichen. Ich konnte damals überhaupt nicht abschätzen, was es bedeutet, ohne Karawane, ohne Kamele, ohne Kontakte nach außen durch die Sandwüste zu gehen. Ich musste bitteres Lehrgeld bezahlen, bin fast verdurstet. Aber im Betrachten hinterher war dieses Scheitern der bedeutendste Lernschritt. Die Wüste hat mir meine Grenze gezeigt und die Grenzen des Lebens überhaupt. Ich habe erfahren, mit wie wenig Wasser ich auskomme, aber auch wie viel ich unbedingt brauche.

2003 ist Ihnen gelungen was kein Mensch vorher hat: Was hat Ihnen der Alleingang durch den höchsten Teil der Sandwüste Gobi, des "Teufels Sandkasten" gegeben?

B.B: Es war ein Bewegen durch die Wüste das ich wahrscheinlich nie werde wiederholen können. Das auch keine Steigerung braucht. Es war eine Erfahrung, von der ich mich nicht vorstellen kann, wie ich sie anders machen könnte. Grenzerfahrung. Vielleicht ist es so, wenn ein Arzt sagen würde, du hättest noch wenige Wochen zu Leben, dann zieht´s dir auch alles Weg, was dir bekannt ist. Plötzlich ist die Welt eine andere. Die Wertepyramide steht Kopf. Das kann dir niemand abnehmen, du muss damit zurecht kommen, in Eigenverantwortung. Ganz allein. Das ist etwas, womit wir hier in unserer Komfortzone große Schwierigkeiten haben. Wir haben uns in Komfort eingerichtet, warum auch nicht, ist sehr angenehm. Der Staat soll für uns sorgen, die Familien, wir brauchen dies und das. Wie fallen aus allen Wolken, wenn das nicht mehr einfach so geht. Wir haben ein Riesenproblem mit Eigenverantwortung und mit Veränderungen.

Was sagt die Wüste dazu?

B.B: Die Wüste lehrt, dass die Einzige, was Bestand hat, die Veränderung ist. Dass man Veränderung nicht nur zulassen, sondern fördern muss. Nur in Bewegung kann man in der Wüste überleben. Stillstand bedeutet den Tod. So wie im normalen Leben auch. Wer nicht bereit ist, weiter zu lernen, bleibt stecken. Nur wenn ich bereit dafür bin, dass Neues am Horizont erscheint, komme ich weiter, dann komme ich da durch. Das ist die Erfahrung vom Weg durch die Wüste, die mir ewig bleibt. Auch Binsenweisheit, könnte man sagen, aber ich habe es erlebt, gespürt. Ich musste bereit sein, etwas zu geben, ein hohes Risiko einzugehen, mein Leben aufs Spiel zu setzen, Wer nicht bereit ist, von sich etwas zu geben, kann auch nichts bekommen. Dies ist eine kosmische Gesetzmäßigkeit.

Eine Antwort, die Sie gesucht haben?

B.B: Ich habe nicht diese Antwort gesucht. Aber für mich sind meine Reisen, das Entdecken von Neuland, von Verborgenem auch Antworten auf die Grundfragen des Lebens.

Welche Auswirkungen haben Ihre erlebten Erfahrungen in Ihrem Alltag?

B.B: Ich gehe geistesgegenwärtiger, bewusster durchs Leben. Das ist zentral. Da gerade wir hier immer weiter sein wollen als wir sind. Dabei ist es die Gegenwart, die Zukunft begründet. Das Jetzt, nicht das Vergangene oder das Kommende gestaltet unsere Zukunft. Das gilt für Umweltthemen ebenso wie für Beziehungen zwischen uns Menschen. Weiter weiß ich, ich bin auch mit weniger der selbe. Und in dem Alleingang musste ich zum ersten Mal in meinem Leben mein gesamtes Potenzial in der Gleichzeitigkeit abrufen. Es gab keine unsichtbaren Helfer mit Wasser, keinen Hubschrauber. Es ist sehr heilsam zu erfahren, egal was kommt, ich habe ein riesiges Potenzial und ich kann es nutzen. Egal welche Frage auftaucht, ich kann sie mit mir selbst beantworten. Damals erinnerte ich mich an Sätze eines griechischen Dichters: „Ich hoffe auf nichts, ich fürchte mich von nichts, ich bin frei.“ Nie war ich diesen Sätze näher. Das ist das was bleibt, was für mich Bestand hat. Das ist wie ein guter Freund. Ich bin sehr dankbar, das ich diese Erfahrung erleben konnte.

Sie leben sehr eigenverantwortlich, sehr risikobereit. Wie halten sie es mit Verantwortung anderen gegenüber?

B.B: Als ich zum ersten mal allein durch die Gobi wollte, trug ich die Ängste mir Nahestehender im Rucksack mit. 2003 hatte ich keine (Liebes-) Beziehung und abgeklärte verwandtschaftliche Beziehungen. Ich war frei. Konnte ganz für mich planen und agieren. Nur so konnte ich diese Herausforderung bestehen. Ich nehme Verantwortung sehr ernst. Nicht umsonst habe ich keine Familie gegründet, nicht in diesem Leben.

22. April 2006

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