VISIONEN

Der Kailash – Kraftort und natürliches Mandala

 

Visionen

Der Kailash- der heilige Berg Tibets- ist jedes Jahr Ziel unzähliger Pilger und immer häufiger auch westlicher Touristen. Der Filmemacher und Autor Bruno Baumann hat seine ganz persönliche Beziehung zu diesem Kraftort in zwei lesens- und sehenswerten Büchern zusammengefasst. Im Visionen- Gespräch zieht er kritisch Bilanz.

Was war der Auslöser für den Bildband über den Kailash?

Die Dauerbeschäftigung mit dem Berg. Ich glaube, es gibt keinen anderen Nicht-Tibeter, der so oft an diesem Berg war. 1987 war ich zum ersten mal dort und seitdem fast jedes Jahr. Da haben sich im Zuge meiner geografischen und geistigen Annäherung an diesen Berg verschiedene Projekte ergeben. Zum Beispiel habe ich ein Buch über den Kailash geschrieben, in dem ich das natürliche Mandala beschreibe, das er darstellt.

Können Sie das etwas näher ausführen?

Ich, glaube, vielen ist bekannt, dass der Kailash ein heiliger Berg ist. Brennpunkt von vier Religionen. Aber dass noch sehr viel mehr dahinter steckt, dass dort die Natur dafür gesorgt hat, dass das uralte Konzept des Mandala mit der Geografie übereinstimmt, dass dort vier Quellen von großen Flüssen entspringen. die in alle vier Himmelrichtungen davon strömen, ist nicht so bekannt. Dieses Mandala wurde von den Buddhisten gewissermaßen eingeweiht. Zuvor war der Berg schon Kraftort der vorbuddhistischen Bön-Religion.

Was hat Sie über die vielen Jahren immer wieder zum Kailash gezogen?

Die Tatsache, dass es auf der Welt nur noch wenige vergleichbare Plätze gibt, an denen die Energie von denjenigen getragen wird, die seit Urzeiten mit ihren reinsten Gedanken im Gepäck dorthin gepilgert sind, um sich mit dem Berg auszutauschen. Der Ort ist ja nicht zur Pilgerstätte geworden, weil der Berg so schön ist, sondern weil dort die Energie von Yogis, die dort meditiert haben, und von Menschen, die dorthin gepilgert sind, mit ihrem auf diesem Ort gerichteten Gedanken, manifestiert ist. Das ist ja nicht wie ein Fußballstadium, das man besucht. Dort gibt es zwar auch eine Energie, die jeder spüren kann, wenn es dort vom Spiel mitgerissen wird. Aber die Energie ist anders, weil man mit einer anderen Motivation und einem anderen Hintergrund hingeht. Der Kailash ist für mich einer der wenigen Orte, an dem diese Urenergie noch spürbar wird. Auch wenn das heute abgeschwächt ist, weil immer öfter Menschen dorthin reisen, die nicht als Pilger kommen, sondern als Touristen, die ihr elitäres Reiseziel abhaken - als Außenstehende und Schaulustige. Aber es sind immer noch die Pilger in der Überzahl, sodass dort noch diese besondere Schwingung spürbar ist. Jedenfalls für mich. Und deshalb ist es für mich ein wunderbarer Ort, an dem ich gerne bin, weil ich mich dieser Energie und dieser Schwingung aussetzen kann und davon mitgezogen werde.

Das Heißt, für Sie ist der jährliche Besuch wie Auftanken?

Genau das. Es ist en Auftanken, und nicht eine Verschwendung von Energie, weil man dazu wochenlang über den Himalaja kraxeln muss.

Wenn Sie ihre Reisen Revue passieren lassen, hat sich über die Jahren in Ihnen etwas verändert in Ihrer Beziehung zum Berg?

Ja - ich sehe, was die Qualität dieses Ortes ausmacht. Mir ist bewusst, dass sie sich verändern wird, weil sich die Menschen verändern. Denn es kommen andere Menschen dorthin mit anderen Motiven und mit anderen Hintergrund im Gepäck. Das heißt, der Berg wird sich kommerzialisieren, wird sozusagen Teil des Mainstream und der Vermarktung. Und der Einfluss derjenigen, die diese Entwicklung forcieren. Wird stärker. Trotz allem ist das für mich immer noch ein Kraftplatz, auch wenn ich das Gefühl habe, dass die Energie schwächer wird. Die Hingabe und Inbrunst, mit der die Pilger dorthin kommen, geht langsam verloren. Weil es diese Pilger nicht mehr gibt. Sie sterben mit der Generation des Dalai Lama aus. Die jüngere Generation der Tibeter, die nach 1950, nach der großen Zäsur geboren wurden, sind mit dem „ Chinese way of life“, der globalisierten Kultur mit all ihren Werten, aufgewachsen. Die jungen Tibeter emanzipieren sich und entfernen sich dabei immer mehr von der Tiefen Religiosität ihrer Eltern. Es gibt immer weniger Pilger, dafür immer mehr Touristen und damit Schaulustige. Natürlich gibt es auch Westler, die als Pilger kommen, aber sie sind deutlich in der Minderzahl. Die meisten sind typische Trekking-Touristen, die sich dort ein elitäres teures Reiseerlebnis kaufen.

Gibt es ein tief greifendes Erlebnis, dass Sie mit dem Berg verbinden?

Der innere Kreis dieses natürlichen Mandalas, quasi das Allerheiligste, war das Ziel meiner Reise letztes Jahr. Ich hatte einen Amerikaner als Begleiter. Wir trafen uns am Berg, ohne uns verabredet zu haben. Er heißt Robert Thurman, der Vater der Hollywood Schauspielerin Uma Thurman. Er war früher Übersetzer des Dalai Lama, hat lange in einem Kloster gelebt und unterrichtet Tibetologie auf der Columbia Universität. Aus einer Eingebung heraus har er die Chance erkannt, mich ins Allerheiligste zu begleiten. Obwohl mir klar war, dass er mit seinen über 60 Jahren körperlich kaum imstande sein würde, diese Strapaze durchzustehen- es geht bis auf 6000 Meter hoch, man muss klettern, brauch fast Höhenbergsteiger-Erfahrungen - konnte ich ihm die Bitte nicht abschlagen, mich zu begleiten. Sein Sohn – Mitte 20. hat schon nach wenigen Stunden schlapp gemacht. Aber er hat bis zum Schluss durchgehalten. Dabei hat er unentwegt Mantras rezitiert. Er ist einfach über sich hinausgewachsen, hat Kräfte mobilisiert aus seiner tiefen Gläubigkeit und religiösen Hingabe als Buddhist. Daraus hat er die Kraft gezogen, die ihn aus meiner Sicht zu einer übermenschlichen Leistung befähigt hat. Das hat mich tief beeindruckt. Denn dieser innere heilige Kreis wäre ihm sonst allein aufgrund seiner körperlichen Verfassung verschlossen gewesen.

Sie haben sich dafür entschieden, Passagen aus dem tibetischen Pilgerbuch Kristallspiegel zu ihren Fotografien stellen. Wie kam die Idee dazu?

Ich bin 1987 einem Tibeter - Choying Dorje - begegnet, der bis zu seinem Tod 162 Mal den Berg umrundet hat. Er hat den Kristallspiegel, vor rund hundert Jahren von einem Oberhaupt der Drikung-Kagyu als Handbuch für Pilger verfasst, wieder zugänglich gemacht. Das Original liegt in der Bibliothek von Dharamsala. Es hat mich sehr erschüttert, als ich von Choying Dorjes Tod erfuhr, der die Veröffentlichung seines Buches nicht mehr miterlebt hat, weil er bei einem mysteriösen Autounfall ums Leben kam. Aber für ihn hat sich seine Lebensaufgabe erfüllt. Choying hat eine Abschrift vom original gehabt. Er hat den Kristallspiegel gewissermaßen weitergeführt und die Geschichte der Klöster bis in die Gegenwart ergänzt. Außerdem hat er seiner Ausgabe noch ein Segensgebet hinzugefügt. Sein Buch ist für die Pilger dort das einzige, was sie haben, sofern sie lesen können. Inzwischen ist es der Pilgerführer schlechthin. Das Originalbuch ist ihnen ja nicht zugänglich.

Welchen Tipp würden Sie Reisenden geben, die zum Kailash wollen?

Ich habe oft Reisende mitgenommen und ich war immer wieder enttäuscht, weil viele sich vom deutschen Reiserecht einfach nicht trennen können. Viele betrachten diese Reise wie ein Konsumgut, das man sich gekauft hat. Sie haben diese all-inclusive Einstellung bei der ein Reisenprogramm abgehakt werden muss. Dadurch, dass sich die Touristen davon nicht lösen können, hadern sie mit körperlichen und persönlichen Befindlichkeiten. Sie können nicht loslassen und haben dadurch auch keinem Raum für geistige Erfahrungen. Aber man muss sich einfach klar machen, dass eine Reise zu einem solchen Ort nicht punktgenau ablaufen kann. Man muss Zeit mitbringen. Mindesten drei Wochen, besser vier. Man muss sich immer Fragen: Was will ich am diesem Berg? Danach sollte man die Reiseangebote selektieren. Es gibt Veranstalter, die sich auf Pilger spezialisiert haben.

Ich danke Ihnen für das Gespräch
Das Gespräch führte Claudia Hötzendorfer